Archiv für July, 2008

Mit kleinen Impulsen, Großes bewegen

Neulich begegnete ich dem so genannten Beatrice Theorem: Kleine Impulse können Großes bewegen.

Nicholas Kristofs Geschichte, von Beatrice Biira beginnt in Uganda. Dort wuchs Beatrice als Kind armer Bauern auf – ohne Chance auf eine Schulausbildung und prädestiniert wie ihre Eltern Analphabetin zu bleiben. Zur gleichen Zeit, als das Mädchen davon träumte zur Schule zu gehen, beschloss eine Kirchengemeinde in Connecticut, USA, das Leben afrikanischer Bauern etwas zu verbessern: Durch Heifer International, einer in Arkansas basierten Organisation, die Tiere an verarmte Landbewohner vergibt, schickten sie einige Ziegen nach Uganda.

Eine der Ziegen, die im Heifer Katalog 120 US$ kostet, landete bei Beatrice Eltern. Bald darauf bekam sie Zwillinge, sodass Beatrice und ihre Geschwister plötzlich nahrhafte Milch trinken konnten. Die überschüssige Milch wurde verkauft und bald hatten die Eltern genügend Geld um ihre Tochter zur Schule zu schicken. Ein Amerikaner, der ihre Schule besuchte, hörte diese Geschichte und schrieb 2000 einen Kinderbestseller über „Beatrice Ziege“. Als herausragende Schülerin gewann Beatrice nicht nur weitere Stipendien, sie wurde auch am Connecticut College aufgenommen, wo sie gerade – als erstes Mitglied ihrer Gemeinschaft – ihr Studium abgeschlossen hat. Ihre Studiengebühren und Ausgaben wurden von einer Gruppe von 20 Heifer Spendern übernommen.

Es war Jeffrey Sachs, der, nachdem er Beatrice auf einer Heifer Konferenz hatte sprechen hören, ihre Geschichte zum „Beatrice Theorem“ erklärte.

Natürlich hätte vieles falsch laufen können: Beatrice selbst sagt, dass Korruption in Uganda weit verbreitet ist. Ein korrupter Beamter hätte die Ziege nur dann aushändigen können, wenn die Eltern ihm erlaubt hätten, mit dem Mädchen Sex zu haben. Die Ziege hätte sterben oder gestohlen werden können. Oder Beatrice selbst hätte nach dem Genuss unpasteurisierter Milch sterben können.

Ja, 1000 Dinge hätten schief gehen können, aber wenn das Modell an sich gut ist, klappen sie oft halt auch. Beatrice jedenfalls möchte einen Masterabschluß an der Clinton School of Public Service machen und danach als Entwicklungshelferin nach Afrika zurückkehren.

Wie Nicholas Kristof zutreffend schreibt:

the challenges of global poverty are vast and complex, far beyond anyone’s power to resolve, and byung a farm animal for a poor family won’t solve them. But Beatrice’s giddy happiness is still a reminder that each of us does have the power to make a difference – to transform a girl’s life with something as simple and cheap as a little goat.

Unser Freund – und betterplace-Fan – Rischi, Gründer der Berliner Bio fastfoods-Kette Gorilla, pflegt zu sagen:

Jetzt, wo es betterplace gibt, gibt es keine Ausrede mehr, nichts zu tun. Alle diese Leute die fatalistisch sagen: ‚Ach ich kann gegen die globale Armut doch nichts ausrichten’ die können jetzt etwas tun: konkret, direkt und einfach.

Zum Beispiel einem armen krebskranken Kind in Equador mit 200 Euro für eine Therapie das Leben retten oder für 250 Euro einem schutzbedürftigen Flüchtling in Deutschland einen Mentor an die Seite stellen.

Volunteering – „Lebensgefühl NGO“

Spätestens seitdem das Bundesentwicklungsministerium Anfang des Jahres den Freiwilligendienst Weltwärts ins Leben gerufen hat, zieht es Heerscharen von jungen Deutschen in die Länder des Südens. 70 Millionen Euro stehen für diesen größten Freiwilligendienst Europas zur Verfügung, bis zu 10.000 Freiwillige zwischen 18-28 Jahren können fortan kostenfrei ein Jahr indische Slumbewohner unterstützen, im Niger Giraffen schützen oder peruanische Umweltprojekte begleiten.

Der Run auf die Programme ist gewaltig: Auf 100 Plätze der Weltwärts-Partnerorganisation American Field Service bewarben sic 1400 Freiwillige, beim Deutschen Entwicklungsdienst (DeD) kamen auf 275 Plätze 1300 Interessenten. Entwicklungspolitisches Engagement ist in.

Wer braucht unqualifizierte Helfer?

Doch wie sinnvoll ist dieses Engagement junger Deutscher, die als Qualifikation gerade mal ihren Schulabschluss vorzuweisen haben? Und wem nutzt es wirklich? Den lokalen NGOs, der bedürftigen lokalen Bevölkerung – oder nur den Jugendlichen selbst, die aus den Kinderzimmern kommend ein Abenteuer erleben?

Die von Florian Töpfl für das Magazin der Süddeutschen Zeitung  -„Egotrip ins Elend -interviewten Experten und Nichtregierungsorganisationen, stehen den Freiwilligen durchweg kritisch gegenüber:  Die Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl ist über Weltwärts „entsetzt“ und hält die Initiative für grenzenlos populistisch, weil sie kaum frage: „Was brauchen die Menschen in diesen Ländern wirklich?“ Auf keinen Fall unqualifizierte Helfer. In der jetzigen Form erinnere das Programm an Dschungel Camp Shows auf den Privatsendern.

Die kambodschanische NGO Friends, die in Phnom Penh mit 240 kambodschanischen Mitarbeitern 10 Lehrbetriebe für marginalisierte Kinder betreibt und bei der täglich Ausländer vorbeikommen, die ihre kostenlosen Dienste anbieten, lehnt unqualifizierte Helfer ebenfalls ab. „Die halten unsere Kinder nur vom Lernen ab“. Zudem gab es eine Menge Probleme mit Pädophilen. Auch Chris Minko, der in Kambodscha eine nationale Volleyball-Liga für behinderte Sportler aufbaute, um Landminenopfer und Polio-Geschädigte in die Gesellschaft zu integrieren, verzichtet ebenfalls auf Freiwillige. „Die Probleme in Entwicklungsländern sind so verdammt komplex – die kann niemand in 12 Monaten kapieren“, sagt er. Kulturadequates Verhalten lernt man nicht von heute auf morgen und eine Freiwillige, die ihren Laptop an einen der Mitarbeiter verschenkt und damit unwissentlich den Neid aller anderen Helfer provoziert, kann eine ganze Organisation in Unruhe versetzen.

Ausländische Freiwillige als Prestigeobjekte

Wenn sie schon nicht wirklich für die Arbeit eingesetzt werden können, so werden Freiwillige von vielen lokalen NGOs gerne als „Prestigeobjekt“ eingesetzt um z.B. an ausländische Spender heranzukommen. In vielen Ländern des Südens sind NGOs einer der wenigen, wenn nicht sogar der lukrativste Beschäftigungszweig – alleine in Kambodscha sind 300 internationale und 1000 lokale NGOs tätig. Da ist es oft nicht leicht zu unterscheiden welchen Interessen die Arbeit dient: der Hilfe für Bedürftige oder dem Profit und Selbsterhaltungstrieb ihrer Gründer.

Spoiler am Heck eines getunten Lebenslaufs

Fazit des Artikels: Diejenigen, die von den Freiwilligenprogrammen am meisten profitieren sind die Freiwilligen selbst. Sie bekommen nicht nur ein 10tägiges Vorbereitungsseminar, gefolgt von einem zweiwöchigen interkulturellen Training und sind während des ganzen kostenlosen Aufenthalts vollständig abgesichert. Sie erwerben darüber hinaus auch für ihren Lebenslauf Pluspunkte. Personalchefs stehen den Auslandsaufenthalten positiv gegenüber, erwerben die potentiellen Bewerber doch persönliche Reife und (inter)kulturelle Kompetenz.

Wenn Freiwilligendienste jedoch „Spoiler am Heck eines getunten Lebenslaufs“ sind und sehr viel mehr lernen, als das sie selbst helfen – warum kommen dann die Millionen für das Weltwärts Programm aus dem Entwicklungshilfe-Etat und nicht aus dem des Bildungsministeriums?

Aber das ist eine Frage, die man in der Entwicklungspolitik sich nur allzu oft stellen kann, kommen doch viele Maßnahmen mehr den eigenen Bürgern und Unternehmen zu gute, als den Ländern, denen sie eigentlich helfen sollen.

Bitte stärker differenzieren!

Mein Fazit: eine kritische Hinterfragung des neuen Hobbys Volunteering ist angebracht: Viel zu viele Menschen fahren mit sehr naiven Vorstellungen zu sozialen Projekten, in der Meinung, diese hätten nur auf sie gewartet. Dabei spiegelt sich zum Teil auch das alte Überlegenheitsgefühl der westlichen Welt wieder: wir wissen, was ihr braucht. Wir können Euch helfen.

Diese Haltung verkennt, das Menschen vor Ort oft die besten Kenner ihrer Probleme, Bedürfnisse und Interessen sind und die Lösungen auch schon parat haben. Doch für viele von diesen Lösungen kann eine zusätzliche Unterstützung durch externe Ressourcen (Geld, Zeit, Expertise) nicht nur sinnvoll, sondern gelegentlich auch notwendig sein. Ich denke dabei an Projekte wie dieses.

Ebenso geht das Argument, nur ein jahreslanges Verweilen in einer Gesellschaft könne zu kulturadäquatem Verhalten führen, über das Ziel hinaus: Natürlich kann man solches auch bei kürzeren Auslandsaufenthalten erlernen. Dies ist weniger eine Frage der Aufenthaltsdauer, als vielmehr einer generellen, oft individualpsychologisch begründeten, Sensibilität für neue kulturelle Kontexte.

Studie zu Online Spenden Marktplätzen

 

Susanna Krüger berichtet auf Mutmacher über eine Keystone (”accountibility for social change”) Studie ONLINE PHILANTHROPY MARKETS: From ‘feel-good’ giving to effective social investing?, die für alle online-Spender und damit auch für uns bei betterplace hoch interessant ist.

Wie effektiv tragen Online Marktplätze wie Global GivingKivaGiveIndia oder HelpArgentina zu einer qualitativen und quantitativen Transformation des philanthropischen Engagements bei?

Die sich rapide ausbreitende Landschaft der online Philanthropie birgt das Potential Transparenz und Rechenschaft im non-Profit Sektor extrem zu steigern und in Folge dessen große Effizienzgewinne zu erbringen.

So schreibt Llyod Nimetz im Stanford Social Innovation Review: 

eBay disintermediated shopping. Napster initially did the same for music and Wikipedia for information. More recently it has been Prosper for the sluggish industry of unsecured loans.  What paradigm shifting changes has the Internet brought to the slowest sector of them all, the philanthropic sector?  The answer might be online giving markets.

Doch ihr radikales Potential, so das Fazit der Studie, wird von den wenigsten Plattformen eingelöst. Statt soziales Engagement als soziales Investments zu betrachten, welches sich konkreten, z.T. messbaren Bewertungs- und Erfolgskritierien stellen muss, fördern die meisten Plattformen das traditionelle „feel good giving“.

Für uns bei betterplace ist diese Diskussion von enormem Interesse. Unser Anspruch ist es, daran mitzuwirken, soziales Engagement nicht nur einfacher, sondern auch effizienter und leistungsorientierter zu gestalten. Daher legen wir Wert auf die kleinteilige und differenzierte Darstellung der Bedarfe einer Organisation. Zudem verpflichten wir Projektverantwortliche regelmäßig Feedback über ihre Arbeit zu geben. Und über das Web of Trust ermöglichen wir einer möglichst großen Menge von Menschen ihre Erfahrungen mit einem konkreten Projekt und einem Projektverantwortlichen darzulegen.

Zugleich machen wir uns Gedanken über die Bandbreite an Instrumenten (von Spenden über Mikrokredite bis zur Vermittlung von Expertenwissen), die für unterschiedliche soziale Probleme angemessen und am erfolgversprechendsten sind. So macht es meines Erachtens wesentlich mehr Sinn, einem Unternehmer, z.B. dem Betreiber eines Lokals in Katmandu, einen Kredit für die Anschaffung eines Fernsehers zu bewilligen, als ihm das Geld dafür zu schenken. Auf der anderen Seite sind nicht profitorientierte Initiativen, wie Schulen oder Straßenkinderprojekte, auf Geldspenden angewiesen, da sie Kredite nur schwer zurück zahlen können.

Um das Unterstützern auf betterplace zur Verfügung stehende Instrumentarium zu erweitern, werden wir in einem nächsten Schritt z.B. die Vergabe von Mikrokrediten auf der Plattform ermöglichen.

Zugleich müssen wir uns eingestehen, dass wir am Anfang eines langen und komplexen Lernprozesses stehen. Wenn die Menschheit genau wüsste, was in der Welt der Armutsreduzierung und des sozialen Engagements funktioniert und was nicht, würde die Bilanz nach 5 Jahrzehnten Entwicklungsarbeit nicht so miserabel aussehen, wie sie es tut.

Ich verstehe betterplace als eine Plattform, auf der genau dieses Lernen stattfindet: Welche Intervention funktioniert für welches Problem? Wie sehen in den unterschiedlichen Projektsparten die Kriterien für Erfolg jeweils aus? Welche Informationen – wie aufbereitet – müssen Unterstützern für eine informierte Auswahl zur Verfügung gestellt werden?

Wir sind Teil eines extrem spannenden Prozesses, der die Welt wirklich revolutionieren kann. Damit dies gelingt, müssen wir jedoch unsere eigene Performance und die von uns zur Verfügung gestellten Instrumente aufmerksam beobachten und auf ihre Sinnhaftigkeit hin immer wieder hinterfragen. Studien wie die vorliegende können uns dabei helfen. 

Die betterplace Weihnachtssaison hat angefangen

Mit dem Besuch meiner Freundin seit Hamburger Schultagen, Lena Schüler, hat die betterplace Weihnachtssaison an einem heißen Hochsommertag angefangen. Lena ist eine begnadete Schmuckdesignerin, deren Unikate sonst weit außer Reichweite des betterplace-Horizonts liegen. Aber da sie die Idee betterplace toll findet und unterstützen möchte, hat sie zwei Motive für uns entwickelt, deren Verkaufspreis zu 100% in konkrete betterplace-Projekte gehen wird. Die beiden Motive – ein Berliner Bär und ein silberner Knoten, jeweils an elastischen Bändern – werden in Lenas Hamburger Atelier und auf betterplace events im Winter zu erwerben sein.

Herzlich Willkommen, Hans-Jürgen!

Unser Team, ebenso wie unser Konzept, war von Anfang an äußerst inklusiv. Die Idee betterplace verbindet soziale Projekte jeder Größe und Herkunft, große, international agierende Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit ebenso wie one-women grassroots-Initiativen und Unternehmen diverser Branchen und Größen. Im Team arbeiten Menschen zwischen Anfang Zwanzig bis Mitte Sechzig mit höchst diversen professionellen Hintergründen. Und das ist toll und funktioniert, weil die Regeln stimmen und wir alle die Synergieeffekte spüren, die diese Heterogenität erzeugt.

Seit heute sind wir nochmals bunter: Mit Hans-Jürgen Cramer stößt ein “Spitzenmanager” der deutschen Wirtschaft zum Team. Wir bieten ihm keinen Chauffeur und kein Gehalt. Um zu verstehen, wieso er dennoch bereit ist, einen Teil seiner Zeit bei uns in der Schlesischen Strasse zu verbringen, lassen wir ihn am besten selbst zu Wort kommen:

betterplace: Wann hast Du zum ersten Mal von betterplace gehört?

Bis vor vier Monaten war mir betterplace völlig unbekannt. Auf einer Reise mit dem Bundesaußenminister nach Asien habe ich Joana kennen gelernt und war von ihrem Engagement und ihrer Involviertheit in die Idee betterplace außgesprochen angetan. Ich habe dann mittels eigener Spenden die Art und Weise sowie die Technik von bp ausprobiert – und es war so, wie beschrieben: ich konnte geben erleben.

Mir gefällt die Idee, das Setup sowie die Umgebung dieser Plattform – so bin ich in den Sog von betterplace gekommen.

betterplace: Was begeistert Dich an der Idee betterplace?

Im Kern begeistert mich die Möglichkeit, Projekte, Menschen und Ideen an einem Punkt zusammen zu bringen und mit einer hohen Transparenz den jeweiligen Mitteleinsatz nach zu verfolgen.

So geht nichts verloren und die Transaktionen sind sehr direkt und nachhaltig. Außerdem sehe ich ein unglaubliches Potenzial von bp – zwischen den Polen der globalen und lokalen Sicht.

betterplace: Was sagen Deine Familie und Deine Freunde dazu, dass Du jetzt in einem start-up mitwirkst?

Da sich mein persönliches Lebensumfeld im Moment sehr deutlich verändert – ich scheide ja in wenigen Tagen aus dem Vorstand einer größeren Firma aus – war klar, dass ich auch zukünftig eingebunden sein will in eine engagierte, informierte und sich weiter entwickelnde Umgebung. Insofern war meine Entscheidung, mich bei betterplace zu engagieren, keine, die Verwunderung ausgelöst hätte – im Gegenteil, mein Engagement hier wird als konsequente Linienführung ausgelegt und findet viel Unterstützung (wobei meine Freunde noch nicht wissen, was auf sie zukommt, wenn ich sie bewege, Teil der Bewegung zu werden)

betterplace: Was erhoffst Du Dir für Dich ganz persönlich von Deiner Arbeit bei betterplace?

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