Yvonne vom Projekteteam bekommt des Öfteren die Frage gestellt, was es denn mit den 5 Sternen auf der Profilseite eines jeden Projekts auf sich hat.
Online Bewertungssysteme begegnen uns im Netz an vielen Orten – auf amazon bewertet man Bücher, ebenso wie deren Rezensionen. Auf Tripadvisor oder smart-travelling.net vergeben Reisende Sterne von 1-5 an Cafes, Restaurants, Restaurants und Geschäfte.
Jeder kann jedes Projekt bewerten
Genau diesen Mechanismus verwenden wir auch: Jeder kann auf betterplace jedes Projekt bewerten, indem er auf der entsprechenden Projektprofilseite auf einen der fünf Sterne klicken – und damit seinem spontanen Eindruck über die Sinn und Glaubwürdigkeit des Projekts Ausdruck verleihen:
ein Stern bedeutet „Bloß nicht unterstützen!“
zwei Sterne – „Uninteressant”
drei Sterne – „Mal beobachten“
vier Sterne – „Unterstützt das!“
fünf Sterne – „Das ist wahre Verbesserung“
Die Bewertungen sind nicht in Stein gemeißelt. Je nachdem, wie der Projektverantwortliche über sein Projekt kommuniziert und was sich im Projekt tut, können Nutzer ihr einmal gefälltes Urteil ändern.
(mehr dazu in unseren FAQs)
Auf welcher Basis kommen Bewertungen zustande?
Nun, manche Nutzer treffen einfach eine intuitive Bauchentscheidung, nachdem sie einen kurzen Blick auf das Projekt und den Projektverantwortlichen geworfen haben. Andere beschäftigen sich mit der Thematik ausführlicher: sie schauen ob die blogposts des Projektverantwortlichen glaubwürdig sind und lesen die Statements der Fürsprecher und Besucher. Vielleicht kennen sie sich auch selbst gut in der Region oder der Thematik aus. Wieder andere sind ganz nah an einem Projekt dran und können es aus erster Hand bewerten: da sie Mitarbeiter der Organisation oder Nutznießer der vorgenommenen Maßnahme sind.
Diese Art von Bewertungen durch eine sehr heterogene Community mag manchem seltsam und unglaubwürdig erscheinen.
Doch in jüngster Zeit weisen eine Vielzahl von Studien darauf hin, dass Entscheidungen, die von einer großen Masse von Menschen getroffen werden (unter bestimmten Umständen: wenn die Masse heterogen ist und möglichst unabhängig von einander bewertet) mindestens genauso aussagekräftig sind, wie die von Experten.
Die Weisheit der Vielen
In diese Richtung argumentiert zum Beispiel der New Yorker Finanzjournalist James Surowiecki in seinem 2004 publizierten Buch Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne (The Wisdom of the Crowds).
Das Buch beginnt mit dem Wissenschaftler Sir Francis Galtons Besuch auf einer Vieh-Ausstellung im ländlichen England im Jahre 1906. Im Rahmen eines Gewinnspiels sollten die Marktbesucher das Schlachtgewicht eines Rindes genau schätzten. Galton ging es eigentlich darum zu beweisen, dass die Masse dumm ist – und er war sehr überrascht, als die Schätzungen der Gruppe (bestehend aus rund 800 Menschen), ziemlich genau mit dem tatsächlichen Gewicht des Rindviehs übereinstimmte, während die Experten, darunter manche Metzger, viel schlechter abschnitten.
Anhand von vielen anderen Beispielen argumentiert Surowiecki, dass die Masse mit ihre Schätzungen immer besser liegt als der Einzelne.
Bauchentscheidungen
In eine sehr ähnliche Richtung weist ein zweites Buch auf meinem Nachtisch: Gerd Gigerenzers Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition
Gigerenzer, der international meistzitierte Psychologe im deutschsprachigem Raum, arbeitet über begrenzte Rationalität und Heuristiken, d.h., wie man rationale Entscheidungen treffen kann, wenn Zeit und Information begrenzt und die Zukunft unsicher ist.
Im Gegensatz zu den meisten Beratern und Experten, die propagieren, dass man bei Entscheidungsfindungen möglichst analytisch vorgehen und Vor- und Nachteile sorgfältig abwägen müsse, geht er davon aus, dass menschliche Intelligenz nicht wie eine Rechenmaschine funktioniert, sondern Logik nur eines von vielen Werkzeugen der Intelligenz sei. Ebenso wichtig, in manchen Fällen sogar viel wichtiger, sei Intuition. Sein Buch ist denn auch eine unterhaltsame Sammlung von Beispielen für Bauchentscheidungen – Fälle aus der Justiz ebenso wie dem Aktienhandel, in denen Menschen ihre guten Entscheidungen nicht auf eine große Anzahl von Kriterien stützen, sondern ein einzelnes Entscheidungskriterium haben. Und oftmals, so sein Fazit, sind intuitive Entscheidungen, die auf wenigen Informationen beruhen, nicht nur ökonomischer und schneller, sondern oftmals auch einfach besser als vernunftsbegründete Entscheidungen.
Auf Grund der Thesen von „Die Weisheit der Vielen“ und „Bauchentscheidungen“ spricht einiges dafür, dass ein einfaches Bewertungssystem wie die 5 Sterne auf jeder betterplace Projektseite unter bestimmten Bedingungen – u.a. kritische Masse an Voten, heterogene Bewerter, die möglichst unabhängig voneinander ein Urteil fällen – einen realistischen Eindruck von der Qualität eines Projekts vermitteln kann.
Allerdings sehen wir uns damit ganz am Anfang. Die 5 Sterne sind quasi die Version 1.0 und wir arbeiten an einem differenzierteren System, in welches die Bewertungen unterschiedlicher Nutzergruppen (Spender, Nutznießer der Projekte und andere Stakeholder) einfließen, welches aber dennoch auf einen Blick zeigt, wie das Projekt von der Gemeinschaft bewertet wurde.
Zudem sind wir mit einem Team von Gerd Gigerenzer, der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ist, dabei, zu erforschen, wie Entscheidungen auf betterplace.org getroffen werden und welche Kriterien für den Spendenerfolg eines Projekts ausschlaggebend sind. Wir sind gespannt auf die Erkenntnisse und freuen uns sie in ein paar Monaten mit der betterplace community und natürlich auch mit unseren Mitstreitern von anderen Online Giving Markets zu teilen.
Tags: Bauchentscheidungen, Bewertung, Gerg Gigerenzer, Weisheit der Vielen



Schöner Artikel – danke!
Versteh ich alles, finde ich auch gut – was ich gerne wüsste ist, ob ich irgendwo sehen kann, WER mein Projekt bewertet hat.
Viele Grüße,
Annette Schiffmann
Liebe Annette Schiffmann,
danke.
Bewertungen sind anonym. Wir werden sie in den nächsten Monaten differenzieren, aber auch dann werden sie anonym bleiben. Zum einen macht das die Schwelle niedriger, sie abzugeben. Zum anderen haben manche Menschen vielleicht gute Gründe dazu, nicht als Person mit ihrer Wertung in Erscheinung zu treten. Wenn ich eng mit einem Projekt in Verbindung stehe, dessen Arbeit aber kritisch sehe, kann ich es mir eventuell nicht leisten dies öffentlich zu äußern. In unserem Bereich besteht ja oft ein großes Machtungleichgewicht zwischen “Gebern” und “Nehmern” und letztere ist eine “Nutzergruppe” deren Statements wir sehr gerne auf betterplace sehen, die oft aber lieber anonym bewerten.
Wirklich aussagekräftig sind diese Bewertungen aber natürlich nur, wenn sie eine kritische Masse erreichen. Momentan kann es sein, dass ein “Querulant” eine schlechte Bewertung abgibt, die das Gesamtergebnis verzerrt. Da jedoch immer einsichtig ist wieviele Wertungen abgegeben wurden, gehen wir davon aus, dass potentielle Unterstützer sich nicht auf Bewertungen stützen, die von nur sehr wenigen abgegeben wurden.
Im Gegensatz zu diesen ***** Sternen sind die Statements von Fürsprechern und Besuchern natürlich personalisiert und haben damit auch für viele Spender mehr Gewicht.