Archiv für die Kategorie ‘Katastrophenhilfe’

Mit Hilfsgeldern Waffen kaufen

Seit Wochen schon wollte ich hier im blog über ein Buch schreiben, welches ich unendlich spannend und erhellend fand. Doch da Famine Crimes. Politics and the Disaster Relief Industry in Africa von Alex de Waal schon 1997 erschienen ist, schien es keinen Zeitdruck zu geben. Das änderte sich heute morgen, als ich im Autoradio auf BBC die brandaktuellen Entlarvungen des BBC Autor Martin Plaut hörte. Der hatte recherchiert, dass während der Hungersnot in Äthiopien 1984/85, Millionen Euro (einer Quelle zufolge um 70€ Millionen), die westliche Privatspender u.a. in Folge von Bob Geldof’s “Band Aid” Konzert gesammelt hatten, statt an hungerleidende Zivilisten, in die Hände von Rebellenführer gelangte, die damit Waffen kauften und versuchten die von der Sowjetunion finanzierte Militärregierung des Landes zu stürzen.

Hilfsorganisationen reagierten heute empört auf diese Enthüllungen und verkündeten, dieses sei das erste Mal seit der Dürrekatastrophe vor 25 Jahren, dass solche Anschuldigungen vorgetragen würden. Einer von ihnen, der humanitäre Helfer Max Peberdy, der im Auftrag von Christian Aid mit 500.000 Dollar in Cash ins Land eingereist war um damit Getreide für die Hungerleidenden zu kaufen, sagte der BBC aus, kein Dollar seiner Organisation sei in falsche Hände geflossen. Ein Photo von damals zeigt ihn zusammen mit einem äthiopischen Weizenhändler bei der Geldübergabe. Doch bei diesem “Händler” handelte es sich um einen der führenden Rebellen der Tigray People’s Liberation Front (TPLF), die gegen die Regierung kämpfte. Dem BBC gegenüber sagte der Rebellenführer, er habe sich die Händlermontur nur als Tarnung angezogen und unter den Säcken mit Weizen seien in Wirklichkeit viele andere, die mit Sand gefüllt gewesen wären. Ehemaligen Rebellen zufolge flossen 95% der Hilfsgelder in den politischen Kampf, während nur 5% der betroffenen Bevölkerung direkt zugute kam.

Die ersten Vorwürfe seit 25 Jahren?
Was mich verwundert, ist dass humanitäre Organisationen jetzt so tun, als hörten sie diese Vorwürfe zum ersten Mal. Denn der hochrenommierte Afrikakenner Alex de Waal beschreibt genau diese Vorgänge in seinem Buch (ebenso wie in zahlreichen Artikeln in europäischen und amerikanischen mainstream Medien).

De Waals Grundthese ist, dass Hungersnöte nie Resultat von Dürre oder sonstigen Umweltfaktoren ist, sondern immer Ausdruck einer politische Krise. Anhand von zahlreichen Beispielen aus Kenia, Zimbabwe und Äthiopien weist er nach, dass es nur in solchen Situationen zu Hungerkatastrophen kommt, in denen politische Machthaber NICHt für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden können. Demokratische Systeme, wie z.B. in Indien, schaffen es trotz vergleichbarer akuter Nahrungsengpässe, Hilfsgüter zu den Betroffenen zu schicken. Denn wenn die Politiker sich nicht um repräsentative Teile ihrer Bevölkerung kümmern, sind sie nach der nächsten Wahl ihre Posten los.

Er wirft der Katastrophenhilfe-Industrie vor, so zu tun, als seien Hungersnöte ein wirtschaftliches und logistisches Problem, welches sie mit genügend Spendengeldern beseitigen könnten. Die Argumentation verkürzt Nothilfe auf ein technisches Problem, welches mit technischen Mitteln zu beheben ist. Diese Perspektive stärkt, so de Waal, die Position von Hilfsorganisationen, geht aber an dem eigentlichen politischen Problem völlig vorbei und ermöglicht es diktatorischen Machthabern im Schutz der humanitären Gemeinschaft sich weiter an der Macht zu halten.

Gerade am Beispiel der Hungersnot in Äthiopien 1984/85, zeigt de Waal diese Dynamik und die unintendierten Folgen humanitärer Hilfe: Er beschreibt, wie die Nahrungsmittelknappheit in Folge von ausbleibenden Regenfällen nur in den Regionen zum krassen Problem wurde, in denen die Regierung in militärische Auseinandersetzungen mit Rebellen involviert war und die Bevölkerung z.T. zwangsumgesiedelt wurde. (Als ich vor ein paar Jahren durch Äthiopien reiste, war es enorm eindrucksvoll die unzähligen verrosteten Panzer zu sehen, die in der Landschaft verteilt als Relikte eben diese Bürgerkrieges standen, der im Schatten des Kalten Krieges stattfand). De Waal beleuchtet im Detail, wie westliche Medien die Katastrophe inszenierten. Das Band Aid Konzert fand marketingmäßig perfekt plaziert in der Weihnachtzeit statt, Journalisten schilderten die Katastrophe als naturgemachtes Inferno, welches über hilflose Opfer hereinbrach. Nichts hätte ferner von der Wahrheit entfernt sein können.

Die Vorwürfe, die de Waal gegenüber der äthiopischen Regierung unter Mengistu zusammenträgt, die die Hungersnot verschlimmerte, sind gewaltig. Aber die Hilfsorganisationen und die UN spielten deren Spiel wissentlich mit. Die einzige Organisation, die gegen die Regierung protestierte und das Land verließ, war Médecins Sans Frontières. Obwohl für alle Anwesenden offensichtlich, wurden Berichte über die Umleitung von Hilfsgütern in die Hände der Militärs und Rebellen, von internationalen Organisationen ignoriert:

Subsequent evidence revealed that the majority of the relief food … was being consigned to the militia… In 1985, Ethiopia received about 1,25 million tonnes of food relief, of which a mere 90.000 tonnes was distributed … in non-government-held areas of Eritrea and Tigray, where between a third and a half of the famine-stricken population lived.

… The relief programme supported President Mengistu militarialy and politically … very few rural people and very many soldiers were fed. … The humanitarian effort prolongued the war, and with it, human suffering.

Aber auch die Rebellen, die jetzt in der BBC-story ins Rampenlicht geraten, bedienten sich aller internationaler Hilfsgüter, deren sie habhaft werden konnten. Vertraut man de Waal, dann waren die Mengen, um die es bei der Tigray People’s Liberation Front ging im Vergleich zu der, die die Regierung abzweigte, verschwindend gering. Und als eine Befreiungsbewegung, die in der lokalen Bevölkerung stark verankert und auf diese in ihrem Kampf angewiesen war, setzte sie sie laut de Waal eher zum Wohl der Hungernden ein.

Famine Crimes ist in vielerlei Hinsicht ein Augenöffner, der eine – in den Augen des Autors – verheerende Veränderung im Selbstverständnis von humanitären Organisationen dokumentiert: die einst neutralen Helfer (die Grundidee des Roten Kreuzes) werden zu machtvollen politischen Akteuren, die jedoch selbst von anderen politischen Kräften (Diktaturen ebenso wie westlichen Regierungen) als Feigenblatt und Spielball verwendet werden. Sie beruhigen das Gewissen der westliche Öffentlichkeit, fördern damit aber indirekt Diktaturen. Sein Fazit lautet:

African generals and politicians are the prime culprits for creating famines … but despite prodigious expenditure and high public profile, relief agencies often do more harm than good. From Biafra to Rwanda, relief has helped to fuel war and undermine democratic accountability. As the influence and resources of UN agencies and NGOs have grown, the chances for effective local solutions have diminished. Humanitarian intervention and other high-profile relief operations have failed. Progress lies in bringing the fight against famine into democratic politics and calling to account those guilty of creating famine.

12 Jahre sind seit der Veröffentlichung von Famine Crimes vergangen. Viele andere Autoren, darunter David Rieff in A Bed for the Night, haben seitdem vergleichbare Argumentationen vorgebracht und darauf hingewiesen, dass humanitäre Organisationen den guten Intentionen und Taten ihrer Mitarbeiter zu Trotz, in vielfältige Widersprüche zwischen ihrem humanitären Auftrag und Machtpolitik verstrickt sind. Die Diskussion ist spannend und muss geführt werden. Wieso jetzt allerdings die BBC so tut, als würden ganz neue Tatsachen über die Hungersnot in Äthiopien hervorgekehrt werden, erscheint mir ebenso merkwürdig, wie die vehemente Behauptung von Hilfsorganisationen nichts von dem Gesagten sei wahr.

Verdrängt Haiti-Hilfe Spenden für andere Projekte?

In seinem Beitrag zur Haiti-Hilfe prognostizierte Alexander Glück, “Initiativen, die nicht in Haiti engagiert sind, stehen vor einem Spendeneinbruch”. Diese Frage haben wir auch im Team diskutiert – und auf der Basis von betterplace.org analysiert.

Mehr Spenden für Haiti – mehr Spenden für andere Projekte
Und siehe da, das Gegenteil ist der Fall! Im Vergleich zu den Vormonaten weisen unsere Zahlen zwischen dem 15. – 26. Januar 2010 ganz eindeutig darauf hin, dass viele Menschen, die auf Haiti-Projekte gespendet haben, zur gleichen Zeit auch noch andere Projekte unterstützen. Sind sie erstmal auf der Plattform und in Spendenlaune schauen sie sich auch Projekte an, die nichts mit Katastrophenhilfe zu tun haben und drücken auf den Spendenknopf.

Engagement ist offensichtlich kein Nullsummenspiel. Und das freut uns sehr!

Fünf Prognosen zur Haiti-Hilfe – von Alexander Glück

Im Zuge der Katastrophe in Haiti kommen über betterplace.org täglich sehr viele Spenden für Organisationen zusammen, die in der Nothilfe engagiert sind, von Care International über das Deutsche Rote Kreuz bis zu dem Bündnis Aktion Deutschland Hilft. Unser Gastblogger Alexander Glück setzt sich sehr kritisch mit diesem Thema auseinander. Bestimmt teilen nicht alle aus dem betterplace Team alle seine fünf Thesen, aber wir finden es wichtig, dass auch diese Sicht auf die Nothilfe-Aktionen eine Stimme bekommt und sind gespannt auf Eure Meinung:

Kaum schreibt man ein kritisches Buch zum Spendenwesen, steht schon die nächste Großspendenaktion ins Haus und bestätigt die Mechanik, die in “Die verkaufte Verantwortung” (Essen: Stiftung & Sponsoring, 2009) ausführlich beschrieben ist. Wenn die darin enthaltenen Aussagen stimmen, wird man sich demnächst auf Entwicklungen einstellen müssen, die folgende Prognosen zulassen:

1.. Es werden neue Spendenrekorde aufgestellt. Der Akuthilfe bringt das zunächst nichts.

Täglich signalisieren die Massenmedien, daß schon jetzt das Spendenaufkommen alle Erwartungen übersteigt, trotzdem blenden sie permanent Kontonummern ein, verknüpft mit wirkungsstarken Schicksalsbildern. Die Frontleute wie Anne Will, Thomas Gottschalk und als Bild-Kolumnistin sogar Angela Merkel verstärken den bereits vorhandenen Druck und rufen zu immer neuen Spenden auf, möglichst ohne Verwendungszweck, damit die Mittel für einen wirkungsvollen Einsatz verfügbar sind.

Die Probleme im Erdbebengebiet sind jedoch logistischer und technischer Natur, während die benötigten Ressourcen in großer Menge bereits vorhanden sind. Obwohl die Medien es suggerieren, rettet eine Geldzahlung, gleich in welcher Höhe, kein einziges jetzt noch verschüttetes Kind.

2.. Haiti steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel.

Die eingeworbenen Mittel finanzieren nicht die Soforthilfe, sondern füllen die Kassen der Initiativen, die damit langfristige Aufbauprojekte finanzieren. Das ist gut und hilfreich, wird jedoch kaum thematisiert. Mit dem Wiederaufbau gehen Verteilungs- und Zuteilungskonflikte einher; ohne funktionierende Strukturen wird es zu Ungerechtigkeiten und Begünstigungen kommen. Dabei spielt es eine wesentliche Rolle, daß es in Haiti eine Oligarchie gibt, die schon vor der Katastrophe auf Kosten der breiten Bevölkerung lebte und sich auch aus dieser Mittelverteilung zu finanzieren versuchen wird. Der kommende Strukturwandel kann alte Ausbeutungsverhältnisse überwinden helfen, dafür jedoch neue entstehen lassen.

3.. Initiativen, die nicht in Haiti engagiert sind, stehen vor einem Spendeneinbruch.

Wer für Haiti spendet, wird diesen Betrag nicht mehr für eine andere Initiative einsetzen können. So wichtig die Finanzierung von langfristigen Projekten in Haiti ist, gerät in der jetzigen Spendenhysterie schnell aus dem Blickfeld, daß sehr viele andere, ebenfalls dringende Projekte künftig deutlich weniger an Spenden einnehmen werden, weil sehr viele Menschen sich nach getaner Haiti-Spende gegen eine weitere Zahlung an ein anderes Projekt entscheiden werden.

4.. Die Haiti-Thematik wird daher vermehrt auch von dort inkompetenten Initiativen bedient werden.

Schon bei der Tsunami-Katastrophe konnte beobachtet werden, wie Werbeagenturen und Fundraiser verschiedene Initiativen zu einer Übernahme dieser Thematik gedrängt haben, um ihre Spendeneinnahmen zu steigern. Dies wird sich jetzt wiederholen. Die meisten dieser Initiativen sind jedoch auf dieses Engagement nicht vorbereitet und riskieren hinsichtlich ihrer Kompetenz einen Ansehensverlust.

5.. Haiti kommt dauerhaft unter Kontrolle der Vereinigten Staaten.

Die Militärpräsenz der USA in Haiti sichert augenscheinlich die jetzt erforderlichen Strukturen für eine schnelle und effektive Verteilung der benötigten Hilfe. Das geradezu invasionsartige Auftreten der US-Soldaten wird aller Voraussicht nach für mindestens zwei Jahrzehnte zum Dauerzustand werden und ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in direktem Zusammenhang mit der Hilfe für die Erdbebenopfer stehen.

Alexander Glück

www.der-spendenkomplex.de.tt

Haiti digital

Lucy Bernholz hat auf ihrem Blog Philanthropy 2173 eine Zusammenstellung der digitalen Technologien begonnen, die im Zuge der Hilfsaktionen in Haiti verwendet werden. Diejenigen von Euch, die an der Schnittstelle zwischen digital und sozial interessiert sind, sollten ihre Liste auf jeden Fall im Auge behalten.

So hat die Mikro-Volunteering Seite Extraordinaries einen Service eingerichtet, in dem jeder Internetnutzer Fotos von vermissten Personen auf Haiti taggen kann. Auch das ICRC hat eine Family Links Seite eingerichtet, über die sich Menschen in Haiti wiederfinden können. Und Ushahidi, über die ich gestern schon geschrieben hatte, hat eine kostenlose Nummer eingerichtet, über die Haitianer vermisste Personen und Notfälle, ihren Standort und akute Bedürfnisse melden können.

Katastrophenhilfe kann über ein Wiki von Crisis Commons organisiert werden, welches aufzeigt, welche Organisation wo und in welchem Bereich arbeitet. Da das Erdbeben große Schäden am Straßensystem angerichtet hat, arbeiten Krisenkartographen rund um die Uhr an Landkarten, die den Helfern eine für die Distribution von Hilfsgütern absolut notwendige Orientierung geben können. Über OpenStreetMap werden verschiedenste Satellitenbilder, UN Schadensberichte und andere Daten aggregiert.

O’Reilly Radar berichtet über kostenlose iPhone app, die gerade auf Basis der existierenden iPhone app www.gaiagps.com programmiert werden und über die Karten von Haiti für Katastrophenhelfer zur Verfügung gestellt werden.

This version of Gaia GPS is intended to aid disaster relief for the Haitian earthquake. The app can be used to download maps and satellite imagery of the earthquake area, including up-to-date overlays of disaster sites, hospitals, and other relevant waypoints. The map data is provided by Digital Globe, GeoEye, OpenStreetMap, and the maps are hosted by the New York Public Library.

Der Ushahidi Situation Room: Echtzeit Landkarte der Katastrophe

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Digitale Technologien eröffnen radikal neue Möglichkeiten in Katastrophensituationen. Schaut Euch nur mal die Haiti Crisis Map des Ushahidi Information Room an. In den letzten vier Tagen sind Hunderte von Meldungen fast in Echtzeit hier zusammengelaufen; sie weisen auf in Trümmern gefangene Menschen hin: The “school behind St. Gerard still has people buried in it.” Unclear if alive or dead und versuchen verschwundene Freunde und Verwandte zu finden: looking for the entire Bontemps family in Haiti (Father Dr.Sainfard Bontemps). Sie beschreiben konkret die Arbeit von Hilforganisationen vor Ort: MSF is starting to truck drinkable water to Choscal hospital for the patients and the people nearby” ebenso wie akute Bedürfnisse und Engpässe: St. Marc: We are receiving a lot of surgery cases. We have operating rooms, nurses, equipment but no surgeons. Besucher der Website haben die Möglichkeit die einzelnen Report zu verifizieren.

Ushahidi entstand in der Krise nach den Wahlen in Kenia Anfang 2008 und ist eine open source Plattform, auf der kollektive Kriseninformationen zugänglich gemacht werden. In die Haiti Crisis Map gehen Informationen aus diversen Kanälen vor Ort ein – sowohl von Menschen in Haiti, die einen Report auf der Ushahidi Website eingeben, als auch von SMS, blogs, Emails, Radio, twitter, Facebook, Fernsehen und List-serves.

Aber Ushahidi überläßt das Crowdsourcing nicht sich selbst, sondern die Informationen werden zusätzlich von einem engagierten Team koordiniert, welches wiederum von einer Gemeinde von Freiwilligen ergänzt wird, darunter z.B. Studenten der Tufts Fletcher School (hier ein Video).

Update: Auf dem TED Blog finet ihr ein interessantes Interview mit Patrick Meier vom Ushahidi Team.

Social Media für Haiti

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Seit der Katastrophe in Haiti zwitschert mein twitter account (eingestellt u.a. auf das Suchwort “betterplace”) ohne Unterlass: namhafte Organisationen sammeln über uns Gelder für ihre Aktionen und unzählige Twitterer rufen zu Online- und SMS-Spenden über betterplace.org auf. Zugleich nutzen viele Hilfsorganisationen wie Aktion Deutschland Hilft, die Welthungerhilfe oder Unicef ihre eigenen Facebook-Seiten und Twitterkonten um Unterstützung zu mobilisieren.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass noch nie so viel, so schnell für eine Nothilfeaktion eingesammelt werden konnte, wie für die Opfer des Erdbebens im Osten von Hispaniola. So kamen alleine in den USA in den ersten eineinhalb Tagen über 7 Millionen US$ Spendengelder alleine über SMS-Spenden zusammen.

Doch Technologie ermöglicht uns nicht nur schneller und mehr zu geben, sondern sie verändert auch unsere Wahrnehmungen und Erwartungen bezüglich sozialer Hilfsleistungen, sowie unsere Möglichkeiten auf Katastrophen zu reagieren. Wie Lucy Bernholz schreibt:

Part of what moves people to give to disaster relief in other places are the heartwrenching images of devastation and pain. Which we can see on TV, on our computers, on our mobile phones. But we can also use these tools to transmit data that are themselves helpful. Within hours of the quake there were several open access data sites sharing streetmaps of Port-Au-Prince, Google made new satellite imagery available, and wikis were set up to help coordinate both recovery efforts and share information with, from and for those looking for loved ones. (…)

Dieser schnelle und direkte Zugang zu Informationen verändert unsere Wahrnehmung und kann enormen Druck ausüben: Als es in der social media Gemeinde rumorte, dass ein großer Teil der gerade per SMS gespendeten Gelder nicht zu den Hilfsorganisationen fließen würde, sondern in die Bereitstellungsgebühren der Mobiltelefonkonzerne, wurde auf twitter lauthals protestiert – mit der Folge, dass wenige Stunden später alle großen amerikanischen Telefonanbieter verkündeten, sie würden die Gebühren erlassen und alle Gelder den Organisationen zugute kommen lassen.

Die neuen Technologien werden auch auf humanitäre Organisationen einen noch nie da gewesenen Druck und Kontrolle ausüben. Konnten sie in der Vergangenheit fernab von ihren Spendern weitgehend unbeobachtet ihre Arbeit leisten, können heute Menschen vor Ort, Einheimische ebenso wie Besucher, die Rettungs- und Aufbauarbeiten in Echtzeit verfolgen und weltweit verbreiten, auf Erfolge ebenso wie auf Mißstände und Unterlassungen aufmerksam machen. Bin ich zu optimistisch, wenn ich mir vorstelle, dass diese Transparenz auch zu mehr Rechenschaft und damit zu besserer Hilfe führen wird?

Naturkatastrophen sind politisch

Lorenz auf anthropologi.info, einem der besten deutschsprachigen Anthropologieblogs, hat heute einen guten Beitrag über Haiti gepostet, in dem er u.a. die Rolle von Web 2.0. Technologien beschreibt, über die ein “everyday cosmopolitanism” seinen Ausdruck findet.

In Haiti sehen wir, wie Naturkatastrophen nicht nur einfach auf widrige Naturumstände zurückzuführen sind, sondern ebenso wichtige soziale und politische  Ursachen haben: Das Fehlen jeder staatlichen Zentralmacht in Haiti bringt es mit sich, das die Bevölkerung in diesen traumatischen Tagen fast vollständig sich selbst überlassen ist. Aber wieso ist Haiti so arm und politisch desaströs? Die im blogpost zu Worte kommenden Anthropologen weisen auf die Rolle der Kolonialisten ebenso hin, wie auf die der USA, die in den letzten Jahrzehnten Haiti politisch massiv destabilisiert haben. Haiti war einst ein reiches Land; es produzierte mehr Reichtum für die französischen Kolonialherren als die 13 Kolonien, die Großbritannien in Nordamerika unterhielt. Aber:

Colonialism launched environmental degradation by clearing forests. After the revolution, the new citizens carried with them the traumatic history of slavery. Now, neocolonialism and globalization are leaving new scars. For decades, the United States has played, and still plays, a powerful role in supporting conservative political regimes.

Auch Paul Farmer, Gründer von Partners in Health und derzeitiger UN Deputy Special Envoy für Haiti, verweist auf die destabilisierende Rolle, die die USA in den letzten Jahrzehnten in der Politik Haiti gespielt hat – die gleichen Vereinigten Staaten, die jetzt lautstark den Hilfsgüter-Konvoi organisieren und als Retter in Erscheinung treten.

Karibikparadies adieu – jetzt Haiti helfen!

(c) Getty ImagesHeute Nacht erschütterte ein schweres Erdbeben gefolgt von mehreren Nachbeben Haiti. Es war das schwerste Beben seit über 200 Jahren. Der Staat im karibischen Meer ist das drittärmste Land der Welt. Nach Medienberichten wurde die Hauptstadt Port-au-Prince schwer getroffen. action medeor berichtet auf ihrer Projektseite auf betterplace.org über zerstörte Krankenhäuser. Verlässliche Angaben über die Opferzahlen gibt es bisher nicht, aber die Hilfsorganisationen gehen von hunderten bis tausenden Toten aus. Ganz zu schweigen von der Zahl der Obdachlosen, die vor dem buchstäblichen Nichts stehen.

Auf betterplace.org findet ihr Projekte unter anderem von CARE, action medeor und Aktion Deutschland Hilft, die den Menschen auf Haiti erste Nothilfe zukommen lassen. Die Möglichkeiten die Projekte zu unterstützen sind vielfältig. Hier eine Auswahl:

Online Spenden:

Auf haitihelfen.betterplace.org habt ihr die Möglichkeit Projekte, die den Erdbebenopfern auf Haiti unmittelbar helfen, online zu unterstützen. Verfolgt dabei dank regelmäßiger Berichte aus dem Katastrophengebiet auf den Projektseiten der Organisationen direkt was eure Hilfe bewirkt.

Charity-SMS:

Ihr könnt den Erdbebenopfern auch mit einer SMS helfen. Schickt dazu einfach eine SMS mit dem Stichwort “aufbau” an die Nummer 81190. Die Charity-SMS beträgt einmalig 3,17 Euro. Sowohl der Dienstleister Burda Wireless als auch die Mobilfunkanbieter verzichten dabei auf die üblichen Erlösanteile – bis auf eine minimale technische Gebühr von 17 Cent. Was mit eurer SMS bewegt wurde, könnt ihr unter haiti.betterplace.org verfolgen.

Weitersagen:

Auch auf anderem Wege könnt ihr helfen. Bindet unseren Link (haitihelfen.betterplace.org) in eure E-Mail Signatur ein, setzt eure Statusmeldung in sozialen Netzwerken auf „Jetzt Haiti helfen! haitihelfen.betterplace.org“, integriert unseren Banner auf eurer Website oder sendet euren Freunden einfach eine E-Mail. Und am besten kombiniert ihr alle Möglichkeiten!

Egal auf welchem Weg ihr die Menschen auf Haiti unterstützt, eure Hilfe kommt wie immer zu 100% an. Über die Projektseiten der Organisationen könnt ihr dabei online mitverfolgen was genau ihr bewirkt habt.

Also legt los, Haiti braucht uns!

Katastrophenhilfe in Indonesien und Westafrika

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Überschwemmungen in Ouagadougou

Zwei Katastrophen beschäftigen uns seit letzter Woche:  das Erdbeben in Indonesien, sowie die Überschwemmungen in Westafrika. Über betterplace kann man Organisationen, die Katastrophenhilfe leisten, direkt unterstützen:

Überschwemmungen in Westafrika

So haben schwere Regenfälle hunderttausende Menschen in Burkina Faso, Niger und angrenzenden westafrikanischen Ländern obdachlos gemacht. Viele Häuser sind eingestürzt und Menschen mussten evakuiert werden. Sie wurden hauptsächlich in Schulen und in den Gesundheitseinrichtungen untergebracht. Durch die schwersten Regenfälle seit 90 Jahren sind auch Krankenhäuser überflutet worden. „Wir haben früh geborene Babys aus einem durch das Wasser beschädigten Hospital aufgenommen und rund 50 Kranke aus einem anderen überfluteten Hospital in unserem Gesundheitscenter in Ouagadougou untergebracht.“ Hier hilft zum Beispiel action medeor mit Wasserentkeimungstabletten, Notfallnahrung und medizinischem Equipment.

In Agadez, der Hauptstadt der Tuareg-Nomaden im Niger, sind durch die tagelangen Fluten und den Bruch eines Damms mindestens 3.500 Wohnungen und Häuser beschädigt oder vollkommen zerstört worden. Genauso mehr als 400 Hektar Gemüsefelder – eine komplette Ernte. Hier hilft Care International.

Erdbeben-Opfer in Indonesien

Aktion Deutschland Hilft ist mit seinen Bündnispartnern in Westafrika, aber auch in Indonesien aktiv. Dort sind nach dem Erdbeben mindestens 100.000 Menschen in den am stärksten betroffenen Regionen Tasikmalaya und Garut obdachlos geworden und man kann auf betterplace Notunterkünfte, medizinische Erstversorgung und Lebensmittelpakete finanzieren.

Katastrophennachrichten bewegen uns meist besonders dann, wenn wir uns mit den betroffenen Regionen und Menschen identifizieren, sei es, dass wir dort Freunde haben oder schon mal dort gewesen sind. Einer der Gründe, weshalb die Opfer der Tsunami in Südostasien so extrem viel Unterstützung erhielten, war, dass so viele Spender die betroffenen Länder  - von Thailand bis Sri Lanka –  von ihren Urlauben her kannten.

Da meine Tochter gerade für ein halbes Jahr in Indonesien zur Schule geht und ich einige der betroffenen westafrikanischen Länder bereist habe, habe ich mit meinem Freundinnen-Team auf betterplace diese dringend erforderlichen Hilfsmaßnahmen bespendet und freue mich über jeden, der mitmacht.

Was halten die Opfer humanitärer Katastrophen von Hilfsorganisationen?

Vor ein paar Tagen landete der Jahresbericht 2008 von HAP (Humanitarian Accountability Partnership) auf meinem Schreibtisch. HAP ist eine renommierte Institution mit Sitz in Genf, die Humanitäre INGOs in ihrem Qualitätsmanagement berät und zertifiziert. Zu ihren Mitgliedern gehören u.a. Save the Children UK, Oxfam UK, Care International, Muslim Aid und The Danish Refugee Council.

Der gesamte, knapp 200 Seiten umfassende Bericht über die Rechenschaftsleistungen humanitärer Organisationen im Jahre 2008 ist online abrufbar. Hier deshalb nur einige der für mich interessantesten Ergebnisse:

Insgesamt scheinen Rechenschaftspflichten im Bewusstsein von Hilfsorganisationen einen immer wichtigeren Stellenwert einzunehmen. Immer mehr Organisationen, internationale ebenso wie nationale, implementieren Rechenschaftssysteme und lassen sich in diesem Bereich fortbilden und zertifizieren.

Als besonders wichtig wird dabei die Rechenschaftspflicht gegenüber den Nutznießern/Empfängern/beneficiaries angesehen (wieso gibt es im Deutschen für diese Gruppe keine gute Bezeichnung? Wie soll man die Menschen nennen, die humanitäre Hilfsleistungen erhalten? Im englischen hat sich „Beneficiary“ oder „Primary Stakeholder“ eingebürgert). Werden sie genügend in die Hilfsprojekte einbezogen? Können sie sie mit planen, begleiten und verändern? Haben sie eine Stimme und können Beschwerden äußern, ohne dadurch Schaden zu nehmen?

In der Theorie ist diese Partizipation der lokalen Bevölkerung meist angedacht, doch in der Praxis scheinen die Organisationen weit hinter ihrer Rhetorik hinterherzuhinken. Viele umfangreichen empirischen Studien über den humanitären Sektor deuten darauf hin, dass:

1. nur wenige Beneficiaries die Möglichkeit haben, sich über die Arbeit einer Organisation zu beschweren und

2. die Partizipationsmöglichkeiten nach wie vor eingeschränkt sind.

Sexueller Missbrauch im Hilfssystem

Eine der großen Skandale im humanitären Bereich betrifft die sexuelle Ausbeutung von Opfern humanitärer Katastrophen durch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Das Thema wurde zum ersten Mal öffentlich thematisiert, nachdem Save the Children 2002 einen großen Report herausbrachte, in dem dargelegt wurde, wie weit verbreitet sexueller Missbrauch in der Hilfsindustrie ist. Seitdem haben viele Organisationen sich bemüht dieses gravierende Problem einzudämmen. Dennoch ist es alles andere als beseitigt: Unabhängig voneinander erstellte Studien von HAP und Save the Children UK in sechs verschiedenen Staaten und 23 Humanitären und Peacekeeping-Organisationen, fanden Belege für

continuing child sexual exploitation and abuse by aid workers“, aber auch für eine „deep-seated reluctance by those affected, their parents and cares and also other aid workers to complain about sexual exploitation and abuse by aid workers. 

Die Betroffenen haben Angst sich zu beschweren, da sie zum einen von den Hilfsorganisationen abhängig sind und befürchten deren materielle Unterstützung entzogen zu bekommen, aber auch, weil sie nicht wissen wie und bei wem sie sich beschweren können. Nur die wenigsten Organisationen haben state of the art Beschwerdeprozeduren, z.B. eine mehrsprachige 24Sunden Hotline mit unabhängigen Seelsorgern, wo Hinweise eingehen können und die Telefonkosten von der Organisation getragen werden.

Mangelnde Partizipation lokaler Gemeinschaften

Viele Bevölkerungen werden in die humanitären Einsätze gar nicht, oder nur wenig einbezogen. Sie sind vielmehr passive Empfänger standardisierter Hilfsprogramme (bei denen z.B. alle Familien die gleichen, genormten Hilfsgüter bekommen, unabhängig davon, ob sie aus 4 oder 10 Mitgliedern bestehen.) Sie sind über ihre Rechte schlecht informiert und gehen meist davon aus, dass ihre Meinung sowieso niemanden interessiert. Viele Betroffene wissen gar nicht, wer genau ein Projekt leitet, wer Hilfe bekommen wird (auf der Basis welcher Kriterien) und woraus die Hilfe besteht (in einem Hilfsprojekt in Bangladesh nach dem Zyklon Sidr erhielten Frauen 2 Monate lang keine Damenbinden und Seife, um ihre Saris zu waschen. Sie wurden einfach nicht danach gefragt, was sie dringend benötigten).

Evaluation – und dann?

In den letzten Jahren haben Hilfsorganisationen enorme Fortschritte in der Projektevaluation gemacht, d.h. die Resultate ihrer Programme werden immer öfter gemessen und bewertet. Doch nur wenige der befragten Organisationen nahmen das Feedback von beneficiaries wirklich ernst und holten es systematisch ein. Knapp die Hälfte sah es nicht als ihre Pflicht an, den Empfängern ihrer Leistungen gegenüber Rechenschaft abzulegen.

Wie der HAP Report bemerkt:

It is somewhat paradoxical that when evaluation is regarded as a significant component in the accountability framework of the humanitarian system, none of those reviewed systematically considered the accountability systems in place and more than half of them do not even explicitly consider accountability to intended beneficiaries and local communities in their approach or the way their reports were structured.

Evaluation findet so häufig im luftleeren Raum statt: Man kann sagen, dass man ein Programm evaluiert und den Report veröffentlicht hat (das gehört mittlerweile zum guten Ton). Dabei bleibt offen, ob die gewonnenen Kenntnisse auch in der Praxis einen Widerhall finden und als ernst genommene Korrektur für die Projektarbeit abgesehen werden. Einiges deutet darauf hin, dass dies oft nicht der Fall ist. Der Bericht wandert in die Schublade, anstatt das aus ihm gelernt wird.

The Listening Project

Eine der interessanten Initiativen, die den Empfängern humanitärer Hilfe eine Stimme verleihen möchte, ist das Listening Project, welches seit 2005 in mittlerweile 13 Ländern mit 3.500 Menschen Gespräche geführt hat um herauszufinden, was sie von der empfangenen Hilfe halten. Das zwischenzeitliche Ergebnis ist nicht sehr ermutigend: 

most recipients …say that they have no power to hold aid agencies accountable. Lack of knowledge of what they should expect, fear of loosing out if they complain, and not knowing where to complain to were all cited as reasons as to why recipients and communities did not complain more.

Im Gegensatz dazu stand der explizite Wille der meisten Befragten aktive Rollen zu übernehmen:

 people want to play active roles in the entire project cycle and aid process: from identifying needs, determining priorities, to designing and choosing projects/activities, from selecting who receives aid to implementation and managing the projects; and finally, to monitoring and evaluating the impacts.

HAP führte 2008 auch eine Meinungsumfrage zum Thema Rechenschaft bei Organisationen und ihren Mitarbeitern durch. Die Resultate ergeben, dass Organisationen sich mehr ihren Geldgebern verpflichtet fühlen, als ihren „Kunden“, den Überlebenden humanitärer Katastrophen. Die meisten Mitarbeiter gaben dabei an, selbst schon viel weiter zu sein und ihren eigenen Empfängern gegenüber Rechenschaft abzulegen. Im Gegensatz dazu sei ihre Organisation an sich noch viel zu wenig daran interessiert und gerade in Zeiten einer Finanzkrise würde das Buhlen um die Gunst der Geldgeber sich nur noch verstärken.

Fazit: Viele Humanitäre Organisationen sind sich der Bedeutung von Teilhabe lokaler Bevölkerungen und ihren Rechenschaftspflichten bewusst und bemühen sich ihre Prozesse dahingehend zu verbessern (u.a. dadurch, dass sie den HAP 2007 Standards folgen). Doch die Praxis lässt noch sehr viel zu wünschen übrig.



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