Archiv für die Kategorie ‘Kultur und Entwicklung’

Kultur und Entwicklung

Der amerikanische Anthroplogie-Blog Savage Minds hat Pál Nyíri und mich als Gastblogger eingeladen. Unser letzter Beitrag (in Englisch) könnte auch für betterplace blog-Leser von Interesse sein, da er sich damit beschäftigt, welchen Einfluß “Kultur” auf Entwicklung hat.

Vision Summit 2009

Am 08. November findet der VISION SUMMIT 2009 statt, bei dem betterplace Co-Veranstalter ist – und Sie sind eingeladen.
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Es geht dort um “Social Business” – einen Impuls, im dem führende Ökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträger die aussichtsreichste Chance auf ein neues, stabiles Weltwirtschaftswunder erkennen. Anderen gilt derselbe Impuls als die größte Chance auf die endgültige Überwindung der globalen Armut und als neues, kraftvolles Instrument für eine globale Ökowende.

“Social Business” denkt Wirtschaft völlig neu: als Dienst an der Gesellschaft. Dadurch wird Wirtschaft zum aktiven Problemlöser. Wie sensationell dies sozial, ökologisch und wirtschaftlich funktioniert, hat dessen Impulsgeber, der Sozialunternehmer und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, nachdrücklich unter Beweis gestellt:

Seine Kleinkreditidee hat bis heute ein “Weltwirtschaftswunder von unten” für nicht weniger als 600 Millionen Menschen ausgelöst und sie damit in die Weltwirtschaft integriert.
Seine Einladung an die Weltwirtschaft und Weltkonzerne zur gemeinsamen Lösung der drängendsten globalen sozialen Problemen mit unternehmerischen Mitteln hat Intel, Danone, BASF und viele weitere dazu geführt, plötzlich radikal neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – Produkte und Dienstleistungen, die ihnen gesunde und bezahlbare Ernährung ermöglichen, Zugang zu bezahlbarer nachhaltiger Energie sowie Zugang zum Weltwissen via Internet.
Sein Heimatland Bangladesch zählt durch ein einziges dieser neuen Social Businesses, Grameen Shakti, heute bereits die meisten Solardächer in der Welt, immerhin 250.000.
Seine Einladung an die Politiker wie an die engagierten zivilgesellschaftlichen Organisationen, über völlig neue Lösungen sozialer Herausforderungen auch in den reichen Ländern nachzudenken, hat auch in Europa und Nordamerika zu einer schnell wachsenden gesellschaftlichen Bewegung und einem Aufblühen von Social Business Initiativen geführt.

Der VISION SUMMIT 2009 findet am 8. November, dem Vortag des Berliner Mauerfall-Jahrestages, in Berlin statt. Neben Muhammad Yunus und fast der gesamten Führungsebene seiner inzwischen mehr als 20 Sozialunternehmen nehmen weitere 50 Referenten aus aller Welt teil, von Spitzen der Wirtschaft über Leiter weltweiter Nichtregierungsorganisationen bis zu erfolgreichen Praktikern. Der VISION SUMMIT 2009 verfolgt dabei folgende Ziele:

- Die immensen Chancen der höchst lebendigen Social-Busines-Bewegung für Unternehmen, staatliche und zivile Organisationen und Stiftungen und insbesondere auch für engagierte Bürger unmittelbar erlebbar machen.
- Jedem Teilnehmer “seinen” praktischen beruflichen oder privaten Einstieg in die Arbeit mit dem Social-Business-Ansatz eröffnen.
- Ein starkes Netzwerk etablieren im Spektrum von sozialem Engagement bzw. CSR-Engagement bis zur Innovationsqualität von Social Business.

Vom 4.-9. November 2009 finden in Berlin neben dem VISION SUMMIT noch neun weitere so genannte VISION DAYS statt, die den Social-Business-Impuls jeweils für unterschiedliche Zielgruppen vertiefen – für Umweltengagierte über Repräsentanten aus der Wirtschaft bis zu Gründungswillige.

Alle weiteren Informationen sowie die Möglichkeit zur Online-Anmeldung finden Sie unter http://www.visionsummit.org/.

Cinema Jenin

Die letzten drei Tage war ich beim Filmfestival in Locarno um Marcus Vetter, den Projektverantwortlichen eines neuen betterplace Projekts – Cinema Jenin – zu treffen. Der Ausgangspunkt für das Projekt ist Marcus’ Film Das Herz von Jenin, der letzten Monat seinen ersten, sowohl von der New York Times, als auch der israelitischen Haaretz, gelobten Auftritt auf dem Jerusalemer Filmfestival hatte. Auch bei der Europa-Premiere in Locarno gab es lang anhaltenden Beifall für Marcus, seine Crew und den charismatischen Protagonisten des Films Ismael Khatib.

Heart of Jenin erzählt die wahre Geschichte von Ismael Khatib, der, nachdem sein 12 jähriger Sohn Achmed von einer israelischen Militäreinheit versehentlich getötet wird, sich entschließt, die Organe seines Sohnes schwerkranken israelischen Kindern zu spenden. Der Film dokumentiert nicht nur die dramatischen ersten Tage nach Achmeds Tod, sondern begleitet Ismael zwei Jahre später beim Besuch von dreien der durch die Organspenden geretteten Kinder. 

Bewegende Begegnungen

Inge Günther, in der Berliner Zeitung schreibt:

 

Es sind bewegende Begegnungen, zwei Jahre nach dem Tod seines Sohnes. Wie von selbst spannt sich ein unsichtbarer Draht zwischen den Kindern und dem fremden Mann aus einer anderen Welt irgendwo hinter dem Sperrwall. Im Falle von Sameh Gadban, einem Mädchen im Teenageralter aus einer Drusenfamilie, klappt das auf Anhieb. Ebenso mit dem quirligen Mohammed Kabua, dem Beduinensohn, der unermüdlich auf seinem Fahrrad ums Elternhaus im Negev kurvt. Zur Dialyse muss er nicht mehr.

Komplizierter ist der Kontakt zu Menuha, der kleinen Tochter frommer Juden aus der Jerusalemer Siedlung Pisgat Zeev. Dass das Spenderorgan arabischer Herkunft ist, rüttelt an den Grundsätzen der Familie Levinson. Vor dem Operationssaal wartend ist dem Vater der Satz entfahren, ein jüdisches Organ wäre ihm schon lieber gewesen. Später ist es ihm peinlich. Aber es kostet ihn sichtlich Überwindung, palästinensische Gäste zu empfangen, noch dazu einen aus dem als Widerstandsnest verschrienen Dschenin. Er macht einen beklemmenden Versuch, von Mensch zu Mensch zu reden. “Geh doch in die Türkei”, rät er Ismael. 

Vom Automechaniker zum Laienpädagogen
Ismael selbst macht im Film eine Transformation durch, die sich nicht zuletzt darin äußert, dass er, der gelernte Automechaniker, mit finanzieller Unterstützung der italienischen Stadt Cuneo, ein Jugendzentrum im Flüchtlingslager aufmacht, um den Kindern einen sicheren Ort zu geben, an dem sie spielen und lernen können. 200 Kinder kommen täglich, nach der Schule und während der Ferien.

… und Cinema Jenin Projektmanager
Seit kurzem managed Ismael Khatib, gemeinsam mit Marcus Vetter und unterstützt von palästinensischen Filmschaffenden, aber noch ein anderes Projekt: das Cinema Jenin. Einst eines der schönsten Kinos in der Westbank, ist es seit dem Beginn der ersten Intifada 1987 außer Betrieb. Nun soll es wieder restauriert werden – 50 Euro kostet die Renovierung eines der 500 Kinostühle vor Ort, etwas über 2000 Euro fehlen noch für die notwendige Sanierung des Dachs. Hier sollen ab Frühjahr 2010 ein hochqualitativer Mix aus arabischen und (arabisch untertitelten) europäischen Filme gezeigt werden und eine Alternative zu der Einheitskost amerikanischer Blockbuster auf al-jazeera bieten.

Wir bei betterplace freuen uns dem Projekt eine transparente und aktivierende Fundraising-Plattform bieten zu können und gemeinsam mit allen Projektunterstützern hautnah an dem Projektfortschritt teilnehmen zu können. 

Tibet – Kultureller Völkermord?

In dem für kulturwissenschaftlich Interessierte lesenswerten blog antropologi.info (er erscheint auf deutsch, englisch und norwegisch) findet sich eine kritische Auseinandersetzung mit dem dominanten Tibet-China-Diskurs.

 

Im Zuge des olympischen Fackellaufs beherrscht der “kulturelle Völkermord” der Volksrepublik an den Tibetern die Medien und es ist nur zu einfach in den allgemeinen Kanon der Empörung über die Missachtung der Menschenrechte seitens der KP einzustimmen.

 

“Die tibetische Kultur blüht und gedeiht in China”

Zugleich melden sich aber auch kritische Stimmen, wie die auf anthropologi.info zitierten. Da ist der Ethnologe Ingo Nentwig  mit seinem Statement: „Die tibetische Kultur blüht und gedeiht in China“.

China hat eine gigantische Produktion an Büchern, Zeitungen und Zeitschriften in tibetischer Sprache, es gibt zahlreiche tibetische Verlage, nicht nur in Tibet, sondern auch in den angrenzenden Provinzen und sogar in Peking – die Tibetologen sind gar nicht in der Lage, das alles wahrzunehmen.

Tibetische Schriftsteller schreiben auf Tibetisch und auf Chinesisch. Sie können nicht nur tibetische Literatur kaufen, sondern auch tibetische Übersetzungen zum Beispiel von Shakespeare, Hugo und Balzac. Es gibt eine Akademie für traditionelle tibetische Medizin in Lhasa. Das berühmte Gesar-Epos, die wichtigste mündliche Überlieferung der Tibeter, wird umfassend erforscht. Sänger dieses Epos’, die stundenlang, teilweise tagelang vortragen, werden hofiert und dokumentiert. Von irgendetwas wie “kulturellem Völkermord” kann überhaupt keine Rede sein.

Zugleich räumt Nentwig ein, dass es in der freien Religionsausübung z.T. gewaltige Einschränkungen gibt. Zwar könne jeder Tibeter seinem Glauben unbehindert nachgehen, aber religiöse Funktionsträger, die versuchen oppositionelle Politik zu machen, würden verfolgt.

 

Auch auf dem wohl bekanntesten kulturanthropologischen Gruppen-Blog Savage Minds sind in den letzten Wochen viele gute Kommentare zu dem Thema erschienen, insbesondere auch dessen Darstellung in den westlichen und chinesischen Medien betreffend.

 

Verzerrungen von Seiten der Tibet-Aktivisten

Ich habe mich letztes Jahr auch etwas ausführlicher mit der China-Tibet-Frage auseinander gesetzt und zwar in Zusammenhang mit Maxikulti. In der englischen Version des Buches beschreiben Pál und ich -basierend auf einem Artikel von Washington Post Journalist Sebastian Mallaby , wie Pro-Tibet Aktivisten 1999 eine weltweite Öffentlichkeit gegen ein Weltbank-Projekt zum Teil unter Vortäuschung falscher Tatsachen, zum Fall brachten.

 

Während die Aktivisten – unterstützt von Nancy Peloci und einem Beastie Boy – verkündeten, bei der geplanten Umsiedlung in der Chinesischen Provinz Qinghai würden 60.000 Han Chinesen in das tibetisch dominierte Gebiet angesiedelt werden, sah der Kreditantrag der Volksrepublik nur die Umsiedlung der schon in der Provinz lebenden Bevölkerung vor: 40% von ihnen waren Han Chinesen, der Rest Mongolen und nur 3.500 Tibeter. Zudem gehört Qinghai gar nicht zu Tibet, sondern war schon zu Zeiten des chinesischen Kaiserreichs Teil von China.

 

Eine differenzierte Perspektive ist notwendig 

All dies entschuldigt die begangenen Menschenrechtsverletzungen der Chinesen in Tibet in keinster Weise. Wir sollten aber bei unserer Beschäftigung mit dem Thema mehr Grautöne und Differenzierungen zulassen. Statt alle Tibeter als Opfer und Feinde der Chinesen zu beschreiben, sollten wir der Vielflat der Meinungen unter Tibetern ein Ohr schenken. Dazu noch einmal ein Zitat des Ethnologen Ingo Nentwig:

Ich habe im Rahmen meiner Feldstudien mit Hunderten Tibetern gesprochen, darunter auch mit etlichen Mönchen. Deren Haltungen und Meinungen in puncto Politik sind so heterogen, wie sie nur sein können. Die einen mögen die Chinesen nicht, wenden sich aber dennoch gegen eine Unabhängigkeit. Andere kommen außerordentlich gut mit den Chinesen zurecht, wieder andere wollen sich von China lossagen. Das Bild von den guten Tibetern und den bösen Chinesen ist plumpe Schwarzweißmalerei.
(…)
Nach meinem Gefühl besteht aber gerade bei der einfachen Landbevölkerung, die den Großteil des tibetischen Volkes stellt, eine große Mehrheit für den Verbleib Tibets im chinesischen Staatsgebiet. Entsprechend gut ist dort auch das Verhältnis mit den Han-Chinesen. Auf antichinesische Einstellungen stößt man vornehmlich bei den Eliten.

Was ist besser: als Brahmane wiedergeboren zu werden oder lange zu leben?

Kulturellen Faktoren wird seit den 90er Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit eine neue Bedeutung zugebilligt. US Politologe Samuel Huntington war einer der ersten, der auf die Bedeutung von Kultur anhand eines seither viel zitierten Vergleichs zwischen Ghana und Korea hinwies:

In den sechziger Jahren besaßen beide Staaten vergleichbare Bruttosozialprodukte, eine ähnliche Aufteilung ihrer Wirtschaft in Rohstoffe, Warenproduktion und Dienstleistungen und erhielten vergleichbare Summen an Entwicklungshilfe. Dreißig Jahre später rangiert Südkorea auf Platz 14 der Weltwirtschaft und besitzt eine mächtige Automobil-, Elektronik- und Konsumwarenindustrie. Ghana, seinerseits, kann nichts dergleichen vorweisen: sein Bruttosozialprodukt macht nur ein Fünfzehntel von dem Südkoreas aus.

Was, fragte Huntington, erklärt diese Unterschiede? Und lieferte die Antwort gleich mit: Südkoreaner schätzen Sparsamkeit und Investment, harte Arbeit und gute Ausbildung, Organisation und Disziplin. Ghanaer haben andere Werte. »Mit einem Wort: Kultur zählt«.

Im Lauf der letzten Jahre haben sich alle westlichen Entwicklungsinstitutionen Kultur auf ihre Fahnen geschrieben. Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Hauptträger deutscher Entwicklungshilfe, veranstaltete jüngst eine ganze Reihe von Diskussionsrunden in Partnerländern zum Thema »Kultur und Entwicklung«. Die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit ruft in der Broschüre »Kultur ist kein Luxus« ihre Mitarbeiter auf, einen »genuinen Kulturreflex« zu entwickeln. Und in einem Beitrag zu einer großen, von der Weltbank organisierten Konferenz über Kultur und Entwicklung forderte einer ihrer ehemaligen kamerunschen Berater, Daniel Etounga-Maguelle, ein »Kulturanpassungsprogramm für Afrika«.

Doch oft ist der verwendete Kulturbegriff so schwammig, dass er jeder Aussagekraft entbehrt. (more…)



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