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Fünf Prognosen zur Haiti-Hilfe – von Alexander Glück

Im Zuge der Katastrophe in Haiti kommen über betterplace.org täglich sehr viele Spenden für Organisationen zusammen, die in der Nothilfe engagiert sind, von Care International über das Deutsche Rote Kreuz bis zu dem Bündnis Aktion Deutschland Hilft. Unser Gastblogger Alexander Glück setzt sich sehr kritisch mit diesem Thema auseinander. Bestimmt teilen nicht alle aus dem betterplace Team alle seine fünf Thesen, aber wir finden es wichtig, dass auch diese Sicht auf die Nothilfe-Aktionen eine Stimme bekommt und sind gespannt auf Eure Meinung:

Kaum schreibt man ein kritisches Buch zum Spendenwesen, steht schon die nächste Großspendenaktion ins Haus und bestätigt die Mechanik, die in “Die verkaufte Verantwortung” (Essen: Stiftung & Sponsoring, 2009) ausführlich beschrieben ist. Wenn die darin enthaltenen Aussagen stimmen, wird man sich demnächst auf Entwicklungen einstellen müssen, die folgende Prognosen zulassen:

1.. Es werden neue Spendenrekorde aufgestellt. Der Akuthilfe bringt das zunächst nichts.

Täglich signalisieren die Massenmedien, daß schon jetzt das Spendenaufkommen alle Erwartungen übersteigt, trotzdem blenden sie permanent Kontonummern ein, verknüpft mit wirkungsstarken Schicksalsbildern. Die Frontleute wie Anne Will, Thomas Gottschalk und als Bild-Kolumnistin sogar Angela Merkel verstärken den bereits vorhandenen Druck und rufen zu immer neuen Spenden auf, möglichst ohne Verwendungszweck, damit die Mittel für einen wirkungsvollen Einsatz verfügbar sind.

Die Probleme im Erdbebengebiet sind jedoch logistischer und technischer Natur, während die benötigten Ressourcen in großer Menge bereits vorhanden sind. Obwohl die Medien es suggerieren, rettet eine Geldzahlung, gleich in welcher Höhe, kein einziges jetzt noch verschüttetes Kind.

2.. Haiti steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel.

Die eingeworbenen Mittel finanzieren nicht die Soforthilfe, sondern füllen die Kassen der Initiativen, die damit langfristige Aufbauprojekte finanzieren. Das ist gut und hilfreich, wird jedoch kaum thematisiert. Mit dem Wiederaufbau gehen Verteilungs- und Zuteilungskonflikte einher; ohne funktionierende Strukturen wird es zu Ungerechtigkeiten und Begünstigungen kommen. Dabei spielt es eine wesentliche Rolle, daß es in Haiti eine Oligarchie gibt, die schon vor der Katastrophe auf Kosten der breiten Bevölkerung lebte und sich auch aus dieser Mittelverteilung zu finanzieren versuchen wird. Der kommende Strukturwandel kann alte Ausbeutungsverhältnisse überwinden helfen, dafür jedoch neue entstehen lassen.

3.. Initiativen, die nicht in Haiti engagiert sind, stehen vor einem Spendeneinbruch.

Wer für Haiti spendet, wird diesen Betrag nicht mehr für eine andere Initiative einsetzen können. So wichtig die Finanzierung von langfristigen Projekten in Haiti ist, gerät in der jetzigen Spendenhysterie schnell aus dem Blickfeld, daß sehr viele andere, ebenfalls dringende Projekte künftig deutlich weniger an Spenden einnehmen werden, weil sehr viele Menschen sich nach getaner Haiti-Spende gegen eine weitere Zahlung an ein anderes Projekt entscheiden werden.

4.. Die Haiti-Thematik wird daher vermehrt auch von dort inkompetenten Initiativen bedient werden.

Schon bei der Tsunami-Katastrophe konnte beobachtet werden, wie Werbeagenturen und Fundraiser verschiedene Initiativen zu einer Übernahme dieser Thematik gedrängt haben, um ihre Spendeneinnahmen zu steigern. Dies wird sich jetzt wiederholen. Die meisten dieser Initiativen sind jedoch auf dieses Engagement nicht vorbereitet und riskieren hinsichtlich ihrer Kompetenz einen Ansehensverlust.

5.. Haiti kommt dauerhaft unter Kontrolle der Vereinigten Staaten.

Die Militärpräsenz der USA in Haiti sichert augenscheinlich die jetzt erforderlichen Strukturen für eine schnelle und effektive Verteilung der benötigten Hilfe. Das geradezu invasionsartige Auftreten der US-Soldaten wird aller Voraussicht nach für mindestens zwei Jahrzehnte zum Dauerzustand werden und ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in direktem Zusammenhang mit der Hilfe für die Erdbebenopfer stehen.

Alexander Glück

www.der-spendenkomplex.de.tt

Die verkaufte Verantwortung

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Diese Tage erscheint das neue Buch Die verkaufte Verantwortung von Alexander Glück, jenem kritischen Beobachter der deutschsprachigen Fundraising-Szene, der auch schon den Spendenkomplex geschrieben hat. Das Buch ist:

eine provokante, im besten Sinne polemische Auseinandersetzung mit dem modernen Spendenwesen und Fundraising, dem ihm zugrundeliegenden Menschenbild und Geschäftsmodell, der Denkweise seiner Akteure und der Fragwürdigkeit seiner Instrumente.

Glücks Thesen:

Fundraising ist überwiegend Selbstzweck. Die Spenden dienen zu erheblichen Teilen der Eigenfinanzierung des jeweiligen Hilfswerks.

Fundraising zielt auf die Entmündigung und emotionale Ausbeutung der Geber.

Fundraiser machen sich bewusst die Affekte des Spenders dienstbar und nutzen dabei alle Werkzeuge des Marketings. Spenden wird so zur Form des Massenkonsums.

Fundraiser lassen sich als „Sozialmakler“ von den Spendern für die Illusion bezahlen, ihre Organisationen übernähmen eine Teilverantwortung für die Verbesserung der Welt.

Die wachsende Branche der Fundraiser präsentiert sich als Antwort auf die von ihr selbst verursachten Tendenzen steigenden Konkurrenzdrucks.

Im Gegenzug plädiert der Autor für eine „neue Spendenkultur“, deren Bestandteile ein neuer Fundraiser und ein veränderter Spender sind, die sich sozial aufmerksam und selbstverantwortlich für die Behebung globaler Missstände einsetzen, anstatt sich mit ihnen zu arrangieren und nur deren Symptome zu bearbeiten.

Im Nachwort hat mir der Autor die Möglichkeit gegeben ein etwas alternatives Zukunftsszenario zu entwerfen, welches weniger auf das Heranwachsen einer neue Spendergeneration zielt, die jenseits von Konsum ihre Verantwortung für die Probleme der Welt übernimmt. Vielmehr glaube ich, dass es die neuen, durch das Internet und Mobiltelefonie ermöglichten Kommunikationsformen sind, die den im Buch kritisierten viel zu kostenintensiven und mitunter unlauteren Fundraisingpraktiken den Garaus machen werden.

Soziales Engagement als Ego-Kosmetik

Die Versuchung der ostentativen Hilfsbereitschaft

Sie hat ihren ganz eigenen Reiz, die Frage, warum es so oft aufeinandertrifft, daß derselbe Mensch in den sichtbaren Bereichen vorbildlich altruistisch erscheint, in den unsichtbaren Bereichen hingegen kaum Ambitionen hat, sich für andere einzusetzen. Ehrenamtliche Helfer und die Mitarbeiter der als sozial angesehenen, oft auch kirchlich geprägten Organisationen verdienen mit ihrem Tun gesellschaftliche Anerkennung, und sie bekommen sie auch, insbesondere bei solchen Gelegenheiten, wo sie ihre Zugehörigkeit zum großen sozialen Werk äußerlich sichtbar machen können. Der Gelegenheiten gibt es einige, und schon deshalb finden sich beispielsweise in den Dienstvorschriften der Rettungsorganisationen Hinweise, daß man die Dienstkleidung nicht in der Freizeit tragen darf. Nun ist aber der Weg zum Dienst und von dort nach Hause Auslegungssache, und da kann es schon einmal passieren, daß die Rotkreuz-Sanitäterin Natascha Erlenbieger* ihr Töchterlein in voller Rettungsdienstmontur aus der Turngruppe abholt.

Das wäre für sich genommen nicht besonders bemerkenswert, aber gelegentlich kann man beobachten, wie diese zur Schau gestellte altruistische Haltung durch die Verhaltensmuster in den privaten Angelegenheiten stark relativiert wird. Dann wird die Samariter-Attitüde nämlich richtig interessant: Dieselbe Natascha bot zwar mit viel Menschenfreundlichkeit einer anderen Familie an, regelmäßig deren Kind mit in den Kindergarten zu nehmen, weil sie diese Strecke ja ohnehin fährt — stellte diese Gefälligkeit dann jedoch von heute auf morgen und ohne jeden Blick auf die damit zusammenhängenden Folgen per SMS wieder ein, inklusive totalem Kontaktabbruch. Natürlich ist niemand verpflichtet, fremder Leute Kinder herumzufahren. Aber die Begleitumstände sagen etwas darüber aus, was von solchen selbst gemachten Angeboten, ihrer Handhabung und plötzlichen Entziehung zu halten ist. Das vordergründig soziale, empathische oder mitmenschliche Engagement verkommt dann zum Etikettenschwindel, vielleicht zum Selbstbetrug. Und möglicherweise sind Kern und Wesen des scheinbaren Sozialen eben weit mehr im Egoismus zu suchen als in der Bereitschaft, sich wirklich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen. Allzuleicht entsteht dann in diesen Menschen das Gefühl, zuviel für andere zu tun, womöglich ausgenutzt zu werden.

Ich tue Gutes, weil ich es mir wert bin
Über die inneren Strukturen des Egoisten nachzudenken, kann einiges Licht in Verhältnisse bringen, die vielen als terra incognita erscheinen müssen. Wenn es Formen des sozialen Engagements gibt, die tatsächlich in der Ichbezogenheit des Menschen wurzeln, wie es schon vor dreihundert Jahren Mandeville in seiner Bienenfabel zu zeigen versucht hat, dann schmälert dies die realen Wirkungen dieses Engagements in der Regel nicht. Es wäre jedoch ein bemerkenswerter Befund, wenn sich die verschiedenen Formen sozialer Aufopferung wenigstens zum Teil durch den Egoismus des sozial Tätigen erklären ließen. Dann ist aber zu fragen, wieso der Helfer den mit sozialen Taten verbundenen hohen Aufwand zu tragen bereit ist und inwieweit sein Egoismus denn gerade durch diese Tätigkeiten bedient würde.

Am Anfang steht nur die Beobachtung, daß Intensität und Prinzipien der sichtbaren altruistischen Betätigung sich von denen des privaten, vermeintlich unsichtbaren Handelns gravierend unterscheiden können. Da engagieren sich Menschen geradezu liebevoll für die medizinische Versorgung streunender und vollkommen entsozialisierter rumänischer Hundstiere, fangen aber innerhalb des von ihnen gegründeten Vereins beim kleinsten Anlaß furchtbare Beißereien an, die in sehr vielen Fällen zu langen Streitereien und Vereinsspaltungen geführt haben. Da macht sich im Internet eine schier unerträgliche Sammel- und Darstellungssucht im Zusammenhang mit Unterstützungspatenschaften breit, aber hinter der Projektionsfläche zeigt sich oft ein anderer, oft gar nicht sozial eingestellter Mensch. “Ostentation”, von der sich das ostentative Helfen ableitet, bedeutet nicht nur Schaustellung, sondern eben auch Prahlerei.

Nur aus einer Laune heraus
Ähnliches ist auch bei Susanne Niedertiefentaler* zu sehen: Im Beruf arbeitet sie in der Sozialstation einer katholischen Hilfsorganisation, der das Engagement von Mensch zu Mensch seit langer Zeit ein besonderes Anliegen ist. Sie ist so hilfsbereit, daß sie sogar für ihren halbstarken Sohn die Zeitungen austrägt, wenn der mal keine Lust hat, und zu Feierlichkeiten rührt sie zwanghaft noch irgendeine Mousse an, obwohl es schon zwanzig Dessertschüsseln gibt — die Leute könnten ja schlecht über sie denken. Warum sie für mehrere Kinder in ihrem Bekanntenkreis das Taufpatenamt übernommen hat, weiß sie möglicherweise selbst nicht, denn sie hatte kein Problem damit, sich ebenso schnell und ohne Angabe von Gründen von solchen Verpflichtungen wieder zu befreien. Patenkind und Eltern hörten keinen Mucks mehr, auch nach mehrfacher Nachfrage nicht, und dieser Wendung war nichts vorausgegangen, was irgendwie als Problem oder Konflikt hätte gedeutet werden können. Wieder ging die zur Schau getragene Selbstaufopferung mit Kontaktstörung und Abschottung einher, mit dem absichtlichen Entziehen der eigenen Person aus den Verhältnissen der Mitmenschen.

Es lohnt sich schon, einen Blick darauf zu werfen, ob die Außenansicht eines helfend Tätigen mit seinen inneren Eigenschaften korreliert oder ob sich Unterschiede und Inkohärenzen zeigen. Wenn sich der Hauptantrieb zum Engagement aus dem Egoismus speist, wird nicht nur der Zweck der Hilfsarbeit ins Gegenteil verkehrt (nämlich von der Besserstellung des Empfängers hin zur Besserstellung des Gebers), sondern es nimmt auch die Integrität dieser Arbeit ab — dadurch nämlich, daß jemand, der im Extremfall nur noch für das eigene Ansehen wirkt, den Hilfsorganisationen und Leistungsempfängern kein wirklich verläßliches Angebot macht. Er setzt sich ein, solange er Lust dazu hat, davon profitiert oder von Fundraisern, die seine Motive durchschauen, wirkungsvoll “motiviert” wird. Ist dies nicht mehr der Fall, nimmt das Engagement deutlich ab. Andere Aktivitäten werden wichtiger, das altruistische Arbeiten tritt in den Hintergrund. Wie starke Anstrengungen inzwischen unternommen werden müssen, um Spender bei Laune zu halten, spiegelt sich unter anderem darin wider, daß der Kostenanteil für Werbung, den die vom DZI zertifizierten Organisationen in ihren Bilanzen ausweisen, von 2000 bis 2008 um 76 % emporgeschnellt ist. Bei überwiegend intrinsischer Motivation der Spender wäre so eine Tendenz sehr verwunderlich.

Soziales Handeln, keimfrei und appetitlich
Es gibt noch weitere Gründe für die Verlagerung des Sozialen von innen nach außen, an die Oberfläche. Dort draußen findet die Betätigung aber auch in ungefährlicher Form statt: Man braucht die Zustände und Schicksale nicht in sein Innerstes eindringen zu lassen. Man behält Einsatzbereitschaft und Aufwand (an Zeit, Leistung und finanziellen Mitteln) unter Kontrolle und kann das Engagement sofort einstellen, wenn sich die eigene Bedürfnislage geändert hat. Und nicht zuletzt: Soziales Handeln, sichtbar gemacht auf der außenliegenden Projektionsfläche, wird sehr oft durch Organisationen und Fundraiser keimfrei und appetitlich hergerichtet und romantisiert, es kann also mit einem gewissen Erlebniswert und drastischer Steigerung des Selbstwertgefühls betrieben werden. Mit einer nach außen gestülpten, kontrollierbaren sozialen Betätigung beschmutzt man sich nicht und wird auch nicht krank.

Man mag es für einen einträglichen Weg halten, daß im Fundraising darauf geachtet wird, genau diese Affekte und Motive zu stärken, zu bedienen und auszunutzen. Praktisch alle Patenschaftsorganisationen haben sich einen geschmeidigen Stil im Umgang mit Konflikten angewöhnt und bedienen Klischees hinsichtlich der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern und der Aufwertung des Spenders durch seine Tat. Es birgt aber ein gewisses Risiko, wenn man die Beziehung zwischen Spender und Organisation als Tauschbeziehung ansieht und die Spende als Bezahlung in einem Kaufgeschäft. Solche Konstruktionen führen nicht nur dazu, daß sich die Ansicht etabliert, daß dem Spender dann eben auch etwas verkauft werden muß, nämlich Anerkennung, Selbstwertgefühl, Integration, Partizipation, Emanzipation und noch einiges mehr. Sie führen auch dazu, daß der Spender seine Wohltätigkeit als Konsumform begreifen kann und sein Tun von den Gegenleistungen abhängig macht. Der egoistisch disponierte Wohltätige spendet, indem er konsumiert, und er konsumiert, indem er spendet — sein Handeln verfehlt das eigentliche Ziel des Sozialen, nämlich die vorrangige Besserstellung des Anderen.

Wie sieht die Zukunft aus?
Es ist eine gründliche Überlegung wert, in welche Richtung sich eine Spendenkultur dieses Zuschnitts bewegen wird. Denn auch hier kann man annehmen, daß die Hilfe auf tönernen Füßen steht und sofort wegbricht, wenn die Anreize nicht mehr ausreichen, wenn andere Konsumbereiche wichtiger werden oder wenn die eigenen Mittel für eine Weiterführung des Engagements nicht mehr langen. Gerade vor dem Hintergrund der Finanzkrise wird sich noch herausstellen, ob die vom Fundraising beabsichtigten Partizipationstendenzen zur festen Bereitschaft geführt haben werden, sich für die Belange anderer Menschen einzusetzen.

*) Namen geändert

Bei diesem Beitrag handelt es sich um Auszüge eines Essays, das Alexander Glück in der aktuellen Ausgabe von “Stiftung & Sponsoring” veröffentlicht (www.stiftung-sponsoring.de). Vom selben Autor ist erhältlich: Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen. Berlin: Transit-Verl., 2008. ISBN 978-3-88747-234-4. www.der-spendenkomplex.de.tt. Im September 1009 erscheint im Verlag “Stiftung & Sponsoring” sein neues Buch: “Die verkaufte Verantwortung: Das stille Einvernehmen im Fundraising”.

Wenn Christen Fundraisen

Fromme Ansichten zu Spendenwesen und Fundraising

Das Fundraising und die Arbeit der Initiativen stehen zuweilen in der Kritik. Liest man sich die Ansichten christlich geprägter Autoren durch, gewinnt man den Eindruck, daß dort alles blitzsauber ist. Das ist es wohl auch, auf der Realitätsebene. Man kann annehmen, daß christliche Fundraiser aus Glaubens- und Gewissensgründen nicht besonders geneigt sind, Spenden zu veruntreuen oder sich aus den eingeworbenen Mitteln üppig selbst zu versorgen. Auf einer anderen Ebene zeigt sich jedoch ein Bild, das die Intention christlichen Fundraisings in ein interessantes Licht setzt. Der christliche Fundraiser sieht sich in Gottes unmittelbarem Auftrag, er bekommt die Spenden nicht vom Spender, sondern von Gott, und er ist in jeder Hinsicht ein Musterbeispiel an Integrität. Wofür auch immer gesammelt werden mag, stets steht Gott dahinter, der Fundraiser ist nur sein Werkzeug. Ein besonderes wichtiges zumal, denn er ist es, der den Spendern neue Erfahrungsebenen ihrer Religiosität eröffnet. Einige aktuelle Literaturzitate mögen das verdeutlichen:

“Christliches Fundraising zeichnet sich durch die Menschen aus, die es ausüben, nämlich Christen. Wie das Modell des ‚Fundraising-Baums‘ zeigen wird, sind es besondere christliche Werte und Einstellungen, die das christliche Fundraising unverwechselbar machen.”

“Denn es gilt ja, Gottes Ziele in der Welt umzusetzen und dafür die nötigen Mittel einzubringen.”

“Auch christliches Fundraising bleibt in einer permanenten Abhängigkeit gegenüber Gott. Die Ernte ist immer ein Geschenk und nichts selbstverständliches.”

“Wenn Kirchen, Gemeinden oder christliche Gruppen um Geld bitten, dann (…) liegt auf jedem Spendensammeln eine besondere Würde: Gott will es.”

“Das Geben für Gottes Sache hat noch nie jemanden arm gemacht.”

“Noch niemand ist jemals ärmer geworden, weil er Gott sein Geld zurückgab.”

“Christliches Fundraising wird sich immer durch eine ernste Überzeugungsarbeit auszeichnen. Es geht nicht darum, den Menschen die ‚Gelder aus der Tasche zu ziehen‘, sondern [sie] auch für das Anliegen der Sache zu gewinnen. Das mag manchmal mühsamer sein. Aber auf Dauer ist es sehr viel effektiver.”

“Paulus wirbt, aber er manipuliert nicht. Er bittet inständig, doch zwingt er keine der neuen Gemeinden, für Jerusalem zu spenden. ‚Jeder‘, so formuliert er, ‚soll soviel geben, wie er sich in seinem Herzen vorgenommen hat. Es soll ihm nicht leid tun und er soll es auch nicht nur geben, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Gott liebt fröhliche Geber‘ (2. Korinther 9,7). Hier liegt auch die feine Grenze zwischen christlichem Fundraising und hemmungsloser Seelenmassage, wo am Ende der Spender nicht mehr weiß, was er tut.”

“[Paulus] ist sich sicher: Wer für Gottes Sache gibt, der wird Gottes Segen erfahren.”

“Die Amerikaner drücken es plastisch aus: ‚Fundraising is Faithraising‘, d. h. ‚Fundraising ist Glaubensvermehrung‘. Wer in Gottes Auftrag Gelder sammelt, wird den Menschen eine neue Erfahrungsebene mit ihrem Schöpfer vermitteln.”

“Nicht nur das Almosengeben selbst, sondern auch die Inspiration dazu ist nach talmudischem Verständnis ein verdienstliches Werk. So heißt es: Größer ist (der zu Almosen) anregt, als der, welcher sie gibt; denn es heißt: Das Anregen zu Almosen wird zum Frieden gereichen und das Geben (die Ausführung) der Almosen zu Ruhe und Sicherheit für immer.”

Der Glaube, zu einer Elite zu gehören
Mir scheint, daß sich in Textstellen wie diesen die elitistische Selbstwahrnehmung von Fundraisern auf eine besonders subtile Art offenbart. Die Spendenziele brauchen sich gar nicht aus sich selbst heraus zu legitimieren, sie sind legitimiert durch Gottes Auftrag, der wie ein Blankoscheck immer dann in die Luft gehalten wird, wenn der Fundraiser Christ ist. Damit enthebt er sich seiner Schamgefühle im Zusammenhang mit der Bitte um Geld, damit enthebt er sich aber auch seiner Verantwortung für die Integrität der Projekte, für die er sammelt.

Der Nichtchrist hat es schwerer. Er kann sich nicht auf eine unantastbare Instanz wie Gott berufen, sondern steht mit nichts als seiner Überzeugung, seinen Informationen und ein paar Prospekten in der Tür. Er kommt allein als Mensch. Er kann sich nicht auf einen großen Boß beziehen, der ihn geschickt hat. Er muß deshalb die Verantwortung für sein Tun ganz alleine tragen.

Im christlichen Mandat liegt natürlich auch die Gefahr, sich unter Berufung auf den göttlichen Auftrag für Projekte zu engagieren, die weder sinnvoll noch auch im biblioschen Sinne “gut” sind. Der Auftrag Gottes als Generalvollmacht hält noch für den fragwürdigsten Spendenzweck her, woraus sich dann auch wieder ein heil- und planloses Durcheinander der verschiedensten konkurrierenden Projekte ergibt. Reicht denn die Formel “Hauptsache, christlich!” ohne weitere substanzielle Überprüfung eigentlich aus?

Literatur

Müller, Oliver (2005): Vom Almosen zum Spendenmarkt. Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur. 1. Aufl. Freiburg im Breisgau: Lambertus.

Schnepper, Arndt/Junge, Andreas A. (2008): Geld für Gott. Das Fundraising-Buch für Kirche und Gemeinden. 1. Aufl. Witten: SCM R. Brockhaus.

Alexander Glück, der Autor dieses Artikels, hat ein Buch zum Thema geschrieben: Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen. Berlin: Transit-Verl., 2008. ISBN 978-3-88747-234-4. www.der-spendenkomplex.de.tt. Im September 1009 erscheint im Verlag “Stiftung & Sponsoring” sein neues Buch: “Die verkaufte Verantwortung: Das stille Einvernehmen im Fundraising”.

Ackerbau und Viehzucht

In der Fundraising-Literatur werden Spender gelegentlich mit dem Fleckvieh gleichgesetzt

Spender geben etwas, und Fundraiser sorgen dafür, daß die Mittel fließen. Manchem kommt da gelegentlich das Bild der Ameisen in den Sinn, die eine Blattlauskolonie hegen. In der Fachliteratur wird aber gelegentlich ein anderes Bild bemüht, das einiges über die Grundhaltung dieser Dienstleister aussagt.

Die folgende Zusammenstellung aktueller Lesefrüchte macht das recht anschaulich:

“Spender sind sensibel. Sie reagieren empfindlich darauf, wenn ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie seien nur anonyme Milchkühe einer Organisation.”

“Fundraising hat nichts mit Jagen und Sammeln zu tun, Fundraising ist Ackerbau und Viehzucht. Felder sind zu pflügen und zu düngen, es ist zu säen und zu bewässern, Unkraut ist zu zupfen, die Ernte einzubringen und der Erntekranz zu binden. Fundraising wird nur erfolgreich sein, wenn es integraler und strategischer Bestandteil des Unternehmens wird.”

Partizipation und Viehzucht: ein Widerspruch
Worauf ich damit hinaus will, ist das immer lauter zu vernehmende Ziel der Emanzipation, Partizipation und Herausbildung gesellschaftlichen Wandels. Wie wollen die Fundraiser das denn erreichen, wenn das mein Onkel im Waldviertel von seinen Rindern doch auch nicht erwarten kann? Die Sprache ist es, an der man die Gedanken erkennt. Und auch wenn die Wortwahl nicht so sehr aus dem Erfahrungsschatz des Landmanns schöpft, wird doch immer wieder eine bedürfnisbefriedigende Spielart des Fundraisings gelehrt, die zur reinen Wellneß-Massage verkommt. Auch dazu eine bezeichnende Stelle:

“Die Ansprüche [der Spender] können sehr unterschiedlich sein und je nach Typ oder Spendensumme variieren. Die Kunst des Fundraisings (…) besteht genau darin, diese Wünsche und Vorstellungen möglichst individuell zu befriedigen.”

Die Befriedigung von Bedürfnissen geht aber einher mit dem Aufbau von Bedürfnissen, insbesondere dem nach emotionaler Entspannung:

“Eine wissenschaftliche Analyse brieflicher Spendenaufrufe ergab, daß die Begriffe Verantwortung und Emotion (Mitleid, Schuld) von zentraler Bedeutung in der Spendenwerbung sind und die Hauptansatzpunkte darstellen, um die angesprochene Zielgruppe für eine Unterstützung zu mobilisieren. Wie dominierend diese beiden Aspekte im Fundraising sind, zeigt sich auch an der Tatsache, daß nur ein vergleichsweise geringer Teil der Aufrufe auf die Wirtschaftlichkeit der eigenen Arbeit bzw. hohe Zielerreichung derselben abhebt oder die eigene Seriosität herausstellt.”

Hauptsache, die Kasse stimmt
Dem Briefempfänger wird also Schuld eingeredet, und es wird an seine Verantwortung appelliert. Aber nicht mit dem Ziel, daß er sich dann vielleicht mit Attac vernetzt oder den Film “Let’s make money” weiterempfiehlt. Sondern nur mit der Absicht, ihn zu einer einmaligen oder regelmäßigen Geldzahlung zu bewegen. Dadurch wird der Spender in die Lage versetzt, mit den ihm eingeredeten schlechten Gefühlen fertig zu werden.

Für die Initiativen ist alles andere natürlich nicht einträglich genug, außerdem würde es Verwaltungsaufwand verursachen. Daher ist es kein Geheimnis, was auch Marita Haibach erkennt:

“Der Wunschtraum vieler spendensammelnder Organisationen sind allerdings ›pflegeleichte‹ Spenderinnen und Spender. Menschen, die von selbst spenden, ihre Spende mit keinerlei Zweckbindung oder Auflagen verbinden, die ihnen keine Arbeit oder gar Schwierigkeiten bereiten.”

Vie sehr die Entwicklung in Richtung von Aufstallung geht, zeigt auch das folgende Zitat:

“Man spricht nicht gerne darüber. Aber eine reale Gefahr des Fundraisings ist es, die Spender nur noch unter dem Gesichtspunkt des Geldes zu betrachten: Wer kann wieviel geben? Wie können wir unsere Spender ermutigen, noch mehr als bisher zu geben?”

Woran es wirklich liegt
Fundraiser und Initiativen handeln zweckrational, die Ursache liegt in der Struktur der Spender. Wir sind von einer unmittelbaren, soziale Gerechtigkeit schaffenden Almosenkultur weggekommen zu einem aseptischen, romantisierten und appetitlich aufbereiteten Tele-Sozialverhalten, dessen Wirkungsfelder in vielen Fällen auf der anderen Seite des Planeten liegen, obwohl man auch dafür nicht in die Ferne schweifen müßte. Gleichzeitig wünscht unsere Gesellschaft (oder billigt es zumindest ohne schlechte Gefühle), daß Einkaufszentren, Innenstädte und Geschäftsstraßen konsequent von sozialen Randgruppen gesäubert werden. Inklusion geht immer auch mit einer Exklusion einher. Der Leser möge sich selbst einmal die Frage stellen, ob er nicht im Angesicht eines nach Alkohol riechenden Straßenbettlers sein Portomonnaie eben auch deshalb in der Tasche gelassen hat, weil er doch eben erst dreistellig an eine große Initiative gespendet hat. Ich meine: Das eine geht mit dem anderen einher.

Wie weit es unsere Spendenkultur mit der eigenen Bedürfnisbefriedigung gebracht hat, zeigt sich auch hierin: “12 % der Spender würden sich über eine E-Mail zum Geburtstag freuen.”

Literatur

Fabisch, Nicole (2006): Fundraising. Spenden, Sponsoring und mehr … Orig.-Ausg., 2., vollst. überarb. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl. [u.a.] (= dtv Beck-Wirtschaftsberater; 50859).

Haibach, Marita (2006): “Individuen als Spenderinnen und Spender”. In: Ruckh, Mario F. (Hg.): Sozialmarketing als Stakeholder-Management. Grundlagen und Perspektiven für ein beziehungsorientiertes Management von Nonprofit-Organisationen. 1. Aufl. Berliner Kommunikations-Forum. Bern: Haupt.

Müller, Oliver (2005): Vom Almosen zum Spendenmarkt. Sozialethische Aspekte christlicher Spendenkultur. 1. Aufl. Freiburg im Breisgau: Lambertus.

Preusser, Norbert (1989): Not macht erfinderisch. Überlebensstrategien der Armenbevölkerung seit 1807. 1. Aufl. MünchenAG-SPAK-Publ. (= Materialien der AG SPAK; M 93).

Schnepper, Arndt/Junge, Andreas A. (2008): Geld für Gott. Das Fundraising-Buch für Kirche und Gemeinden. 1. Aufl. Witten: SCM R. Brockhaus.

Schulz, Lothar (2005): “Institutional Readiness – Voraussetzung jeglicher professionellen Fundraising-Kultur und -Strategie”. In: Watenphul, Jens (Hg.): Fundraising: 46 Experten erläutern Kampagnen, Events, Sponsoring u.v.m. Mit exakten Anleitungen + Medienworkshops ; [Beiträge der Fundraising-Akademie, Greenpeace, der Kirchen, Kultureinrichtungen, Stiftungen und anderer]. Fundraising-Akademie. Pfäffikon (CH), Ostfildern (D): Fink-Medien AG.

Alexander Glück, der Autor dieses Artikels, hat ein Buch zum Thema geschrieben: Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen. Berlin: Transit-Verl., 2008. ISBN 978-3-88747-234-4. www.der-spendenkomplex.de.tt. Im September 1009 erscheint im Verlag “Stiftung & Sponsoring” sein neues Buch: “Die verkaufte Verantwortung: Das stille Einvernehmen im Fundraising”.

Berufs-Eldorado Fundraiser

Die Spendenbranche wird professionalisiert – wer bezahlt?

In Deutschland versteht man unter “Fundraising” nicht nur, aber vor allem die Beschaffung von Spenden in klingender Münze. Im US-amerikanischen Sprachgebrauch ist der Begriff weiter gefaßt und bezeichnet die umfassende Aufgabe der allgemeinen Mittelbeschaffung und Projektorganisation bei Nonprofit-Organisationen. Bei uns nennt man das “Sozialmarketing”. Das umfassende Berufsbild verheißt ethische Sauberkeit und trotzdem gute Verdienstmöglichkeiten: gutes Geld für gute Arbeit für den guten Zweck. Aber die Fundraising-Professionalisierung bringt nicht nur Gelder ein, sie verschlingt auch welche.

Wer sich hier engagiert, betreibt im Grunde Marketing, bestehend aus der Planung, Durchführung und Kontrolle regelrechter Strategien und Kampagnen. Der prinzipielle Unterschied zur klassischen Werbung liegt darin, daß dem Geldgeber keine materielle Gegenleistung angeboten wird. Tatsächlich “verkauft” man dem Spender allerhand an unsichtbaren Gütern: Achtung, Selbstwertgefühl, Integration, Lebenssinn, nicht zuletzt auch die hübsch portionierte Dankbarkeit derjenigen, die am Ende der Charity-Kette durch die Spenden wirtschaftlich bessergestellt werden. Dieser stille Handel wird seitens der Fundraiser durch originelle Konzepte, intrinsische Motivation und den festen Glauben ausgestaltet, durch seine Arbeit einer besseren Sache zu dienen als etwa ein Marketingleiter der Alkoholindustrie. Und natürlich wird diese Arbeit, die den Vereinen teilweise sehr viel Geld einbringt, dann auch bezahlt — letztlich von Spendengeldern.

Wird der Staat aus der Verantwortung entlassen?
Der Spendenbereich als wesentliche Säule des bürgerschaftlichen Engagements ist einerseits für viele gesellschaftliche Anliegen zur wesentlichen Finanzierungsmöglichkeit geworden, doch das bringt es mit sich, daß der Staat aus einigen seiner Aufgaben entlassen wurde. Weitere Diskussionspunkte sind die Verteilungsgerechtigkeit im Spendenbereich, der Anteil der Verwaltungs- und Dienstleisterkosten am Spendenaufkommen und nicht zuletzt die Frage, ob nicht die weltweiten Verteilungsprobleme durch das Spenden sogar gefestigt werden. Daneben ist immer wieder von der Zweckentfremdung der Gelder zu hören. Läuft alles wie geplant, läßt sich trotzdem nicht ausschließen, daß die gute Gabe zum schlechten Effekt führt, etwa zu einer Gewöhnung der Empfänger an arbeitslose Einnahmen oder zu sozialen Konflikten in der Zielgegend.

Dies sind ethische Komponenten, mit denen sich jeder, der sich in diesem Bereich betätigen will, grundlegend auseinandersetzen sollte. Gleichzeitig ist zu beobachten, daß sich die seriösen Fundraiser inzwischen auf ethische Normen festlegen, was etwa die Druckstärke der Spendenaufrufe, Plakate oder Bildauswahl betrifft. Angehende Fundraiser müssen zu einer besonnenen Gratwanderung bereit sein, denn es gilt, für seine Projekte möglichst hohe und stabile Einnahmen zu erzielen, ohne daß dabei aber die Integrität der Projekte in Zweifel gezogen werden kann. Die aktuelle “Leitbilddiskussion” in der Fundraiser-Branche hat diese Problematik bereits aufgegriffen und entwickelt ihr Berufsethos in Richtung höherer Integrität weiter.

Das Fundraising wird zum Kostenfaktor
Zum Fundraiser kann man sich ausbilden lassen, man muß es aber nicht — ohne Marketingkenntnisse wird man sich jedoch relativ schwertun. In Deutschland gibt es zur Zeit etwa 2.500 hauptberufliche Fundraiser sowie eine ganze Menge Berater und Ausbilder, deren Geschäft ausschließlich darin besteht, andere Menschen zu Fundraisern zu machen. Die Deutsche Fundraising-Akademie kassiert dafür 8.500 Euro — Geld, das der neue Fundraiser erst einmal aufbringen muß. Geld, daß er dann aber auch wieder einspielen will. Auch wenn sowohl die Akademie als auch der neue Fundraiser für dieses Geld einiges anbieten: Es gehört dennoch zu jenem Anteil am Spendenaufkommen, das den Spendenbetrieb und die sich von ihm ernährenden Menschen aus Selbstzweck finanziert. Ethisch kann man das auf unterschiedliche Weise bewerten, aber wenn man diesen prosperierenden Bereich von Dienstleistungen, die keine Wertschöpfung erbringen, zuendedenkt, dann muß man sich irgendwann fragen, von wem diese Gelder letzten Endes aufgebracht werden müssen. Schon jetzt schöpft der Fundraising-Sektor einen erheblichen Anteil der Spendengelder ab. Für Werbung und Verwaltung dürfen die als gemeinnützig anerkannten Vereine immerhin die Hälfte der Spendengelder verwenden. Bei den mit dem Spenden-Gütesiegel des DZI ausgezeichneten Organisationen liegt dieser Anteil bei durchschnittlich 16 % — selbst dort verschwinden also von jeder Million ganze 160.000 Euro.

Zum sozial orientierten Menschen wird man nicht in zwei Wochen. Der bisherige Lebenslauf spricht da Bände: Wer als Jugendlicher schon Gruppenleiter bei den Pfadfindern war, später Zivildienst oder ein freiwilliges soziales Jahr abgeleistet hat und neben seiner Ausbildung im Pflegebereich oder einem Studium im Fachbereich Sozialwissenschaften seine Wochenenden freiwillig dem Roten Kreuz gestiftet hat, steht ganz anders da als jemand, der sich ausschließlich auf Karriereaspekte fixiert hat. Das Kunststück liegt nun darin, bei der durchgehaltenen sozialen Orientierung unterwegs knallharte Marketing-, Betriebswirtschafts- oder Werbekompetenzen erworben zu haben. Dieser Spagat liegt nicht jedem. Nur mit einer Komponente allein ist es jedoch schwierig, den multiplen Anforderungen, die an einen gestellt werden, adäquat zu erfüllen.

Freiberuflich fundraisen?
Längst hat sich eine Szene von Agenturen herausgebildet, die für viele verschiedene Initiativen arbeiten. Sie ähneln sehr stark den Werbe- und Marketingagenturen, haben auch entsprechend hohe Tarife, bieten jedoch ganz verschiedene Vergütungsmodelle an. Kommt man auch in solch einer Agentur nicht unter (deren vorrangiges Geschäftsziel natürlich die eigene Ertragslage ist, weshalb sie sich wie fast alle Wirtschaftsunternehmen nur besonders gute Mitarbeiter leisten will), bleibt noch die Möglichkeit, sich freiberuflich als Fundraiser zu betätigen. Nur in Spitzenpositionen aber wird man ein Jahresgehalt von siginifikant mehr als 40.000 Euro erzielen können. In leitender Position mit Führungsverantwortung werden auch schon einmal 75.000 Euro bezahlt. Im freiberuflichen Bereich sind Tagessätze im unteren vierstelligen Bereich möglich, und nicht wenige Initiativen vergüten die Spendenwerber sogar prozentual — auch das wurde in letzter Zeit verstärkt kritisiert. Drückerkolonnen nehmen sich in der Regel ein Drittel der eingeworbenen Spenden. Gerade im Tierschutzbereich kommt es nicht selten vor, daß sogar der Großteil der Gelder für die Privatanliegen des Vereinsvorstands verwendet wird. Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um eine zunehmende Tendenz. Wer als Fundraiser auf dem Boden persönlicher Integrität arbeiten will, der sollte in dieser Hinsicht bald Farbe bekennen, auch der Reputation seines Berufsstandes wegen. Es hat auch etwas mit den eigenen Ansprüchen zu tun, denn wer will schon mit seinen sozialen Ambitionen als Keiler in der Fußgängerzone landen? Für alle Beteiligten hat der ganze Spendenbereich sehr viel mit Sinnfragen zu tun. Während es für Spender wichtig sein kann, durch die Spenden ein angenehmeres Selbstbild zu erlangen, gibt es nicht wenige Fundraiser, die als Quereinsteiger aus der Wirtschaft kommen und durch die neue Berufsorientierung mehr Sinn in ihre Arbeit legen wollen.

Alexander Glück, der Autor dieses Artikels, hat ein Buch zum Thema geschrieben: Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit heißen Gefühlen. Berlin: Transit-Verl., 2008. ISBN 978-3-88747-234-4. www.der-spendenkomplex.de.tt. Im September 1009 erscheint im Verlag “Stiftung & Sponsoring” sein neues Buch: “Die verkaufte Verantwortung: Das stille Einvernehmen im Fundraising”.

Der Spendenkomplex, 2. Teil

Verkaufsschlager Patenschaften

Dem Verkaufsschlager „Patenschaften“ widmet Alexander Glücks Der Spendenkomplex. Das kalte Geschäft mit den heißen Gefühlen gleich mehrere Kapitel. Einerseits sind Patenschaften eine Gelddruckmaschine für die Organisationen, denn einmal eingegangen, trauen sich die wenigsten Spender „ihrem“ Patenkind zu kündigen, selbst wenn sie wissen, dass die monatliche Spende gar nicht dem Kind als solchem zu Gute kommt, sondern in einen großen Topf fließen, aus dem heraus das Gesamtprojekt mitsamt seinen vielfältigen Nebenkosten für Personal, Mieten, Logistik etc. finanziert wird.

Problematisch ist nicht nur, dass über diese Schiene Pädophile gerne Kontakt zu Kindern aufnehmen, sondern auch, die vermeintlich benevolente Motivation solcher Eltern, die Patenschaften in erster Linie als Anschauungsobjekt für die eigenen Wohlstandskinder übernehmen. Glück zitiert Eltern mit den Worten, sie wollten „unseren beiden Mädchen vor Augen führen, was für ein angenehmes Leben ihnen der geographische Vorteil beschert hat.“ Hier werden wieder völlig stereotype Bilder vom Leben in Entwicklungsländern zementiert, die nur das Überlegenheitsgefühl des Westens und damit die indirekte Verachtung des Fremden stärken.

Glück berichtet von Organisationen, die Spender voneinander abschirmen um Patenkinder mehrfach zu vermitteln. Andere meinen ihre lokalen Partnerorganisationen besonders kontrollieren und erziehen zu müssen, z.B. indem sie darauf drängen, lokale kulturelle Praktiken, die mit ihrem christlich geprägten Wertekanon nicht übereinstimmen, zu verbieten.

Nun können Patenschaftsorganisationen ebenso wenig wie andere Hilfsorganisationen auch, über einen Kamm geschoren werden. Ohne die Effektivität der Arbeit von Plan International beurteilen zu können, empfinde ich beispielsweise die Informationen, die ich über die Lebensverhältnisse und die Kultur meiner bislang zwei Patenkinder erhalte, als differenziert und respektvoll. Ebenso habe ich – z.B. in Äthiopien – Paten erlebt, die ihre Patenkindern jedes Jahr besuchten und zu ihnen nachhaltige Beziehungen auf Augenhöhe aufgebaut hatten.

Was hingegen auch mir verallgemeinerbar erscheint, ist Glücks Vorwurf, dass alle Hilfsorganisationen die „Unordnung des realen Lebens“ in ihren Darstellungen ausblenden und die ihrer Arbeit innewohnenden Widersprüche, Rückschläge und Dilemmata verstecken.

Patenbriefe in Serienproduktion
Kleines Beispiel: die Dankesbriefe der Patenkinder an ihre Paten.

Jeder Pate erhält von seinem Patenkind in der Regel mehrmals jährlich einen handgeschriebenen und von einem Plan Mitarbeiter übersetzten Dankesbrief. Die Briefe bilden die Nabelschnur zwischen Paten und Kind und sorgen beim Spender für den Wohlfühleffekt, der dazu führt, die Patenschaft auch im nächsten Jahr fortzusetzen.

Nun gibt es aber in vielen Gesellschaften außerhalb EuroAmerikas keine Kultur des expliziten Bedankens, so wie sie sich in Westeuropa herausgebildet hat. Also werden Patenbriefe meist in mechanischer Fließbandarbeit erstellt und „die Blümchen am Bildrand von einer Betreuerin dazu gemalt wurden, die vorher in einer Porzellanfabrik Geschirrteile dekoriert hat.“

Patenschaftsorganisationen schreiben es sich auf die Fahne, gegenseitigen Austausch zu ermöglichen. Ist es da zuviel verlangt, dass auch die Paten etwas über die kulturellen Standards der Beschenkten lernen, statt mit potemkinschen Dörfern konfrontiert zu werden? Aber wie man spätestens nach der Lektüre von Glücks Buch weiß, dreht sich die Arbeit vieler Organisationen sowieso mindestens ebenso um den Selbsterhalt, wie um die Beförderung effektiven sozialen Fortschritts.

Der Spendenkomplex, 1. Teil

spendenkomplex

Der Spendenkomplex – Das kalte Geschäft mit den heißen Gefühlen – so der Titel des Buches von Alexander Glück, in dem er seine Erfahrungen im dritten Sektor kritisch zusammenfasst.

Mehr Selbstreflektion – bitte! Und zwar bei Spendern ebenso wie bei großen und kleinen Hilfsorganisationen. So könnte die das Buch durchziehende Grundthese lauten. 

Für das Gros der Spender zählt nur das gute Gefühl beim Spendenvorgang, der ihre Selbstachtung erhöht. Wirkung und Effekt der Spende werden selten kritisch hinterfragt.

Spenden an sich ist nicht unweigerlich gut
Dabei hätten Spender, so Glück, dazu einigen Anlass. Spenden an sich, so ein leicht nachzuvollziehendes Fazit der Studie, ist an sich nicht per se gut. Viel zu viel Geld geht in ineffektive Organisationen, die ihren Satzungszielen nicht gerecht werden. Oftmals verhindern Spendengelder auch den eigentlich nötigen strukturellen Wandel, da sie wie ein Heftpflaster wirken, anstatt die darunter liegende Wunde nachhaltig zu heilen (so z.B. indem sie kurzfristig die negativen Effekte des massiv ungleichgewichtigen Welthandelssystems lindern, statt an seiner Umstrukturierung zu arbeiten).

Den Hilfsorganisationen steht viel Geld zur Verfügung: Glück geht von 2,5 Milliarden Privatspenden in Deutschland aus. Dazu kommt noch mal der Etat des BMBZ (Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit), der 2007 bei 4,5 Millionen lag und zu 1/3 in Großorganisationen wie UNICEF, zu 1/8 in kleinere NGOs floß. 

Ein erheblicher Anteil dieser Gelder wird für „Werbung und Verwaltung,“ verwendet; für Büromieten und Honorare von Werbefirmen, für Druckaufträge, Portokosten und die Gehälter der Fundraiser und Mitarbeiter.

Die Kluft zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität
Natürlich müssen NGOs genauso professionell arbeiten und marktadäquate Gehälter zahlen können, wie profitorientierte Unternehmen. Ein Problem liegt jedoch in der oft großen Diskrepanz von öffentlicher Wahrnehmung und realen Verhältnissen.

Die meisten Spender nehmen an, dass ein Großteil ihrer Spende beim Nutznießer ankommt und nicht von Verwaltungsgebühren aufgefressen wird. Gerade in Deutschland gehen viele davon aus, dass im non-profit Sektor lauter ehrenamtlich arbeitende Gutmenschen arbeiten. Doch dem ist nicht (nur) so. 

Wer weiß, dass man in Deutschland schon dann als gemeinnützig gilt, wenn 50% der Gelder in gemeinnützige Zwecke fließen? Und das alle die Organisationen das Spendensiegel des DZI erhalten, die bis zu 35% ihrer Einnahmen für Werbung und Verwaltung ausgeben?

Wieviele Spender würden wohl noch der Mitgliedschaft bei einer Organisation zustimmen, wenn sie wüssten, dass nicht selten der gesamte erste Jahresbetrag an die Werber geht? 

Konkurrenzkampf unter den Organisationen
Den Vorwurf, den Glück vielen Organisationen macht, ist, dass sie ihre:

 „Hauptenergien nicht auf die Straffung des Verwaltungsapparats, die künftige Entbehrlichkeit der Hilfsarbeit oder andere Möglichkeiten zur Kostendämpfung legt …, sondern ganz überwiegend auf die Erschließung neuer und immer neuer Geldströme und die Pflege der bereits vorhandenen.“

Die Hilfsindustrie wächst schneller als das Spendenaufkommen und folglich führt der Konkurrenzkampf um Spender und Gelder dazu, dass immer mehr Geld für Fundraising verwendet wird: Gaben im Jahre 2000 die vom DZI zertifizierten Organisationen im Durchschnitt nur 9,1% für Fundraising aus, so sind es mittlerweile 16%.

Mit Slogans wie „Jeder Euro hilft“ kaschieren viele Organisationen diese Kosten. Nur wenige legen, wie z.B. die Welthungerhilfe, ihre Geschäfts- und Finanzberichte im Netz offen.

Weinende Kinder. Misshandelte Tiere
Der Spendenkomplex prangert aber auch an, dass viele soziale Initiativen ihre Spender massiv manipulieren. Werbebriefe – das erfolgreichste Spendeneintreib-Mittel – sprechen die Gefühle des Spenders mit gefühlsduseligen Bildern – weinende Kinderaugen und misshandelte Tieren – an. Die Darstellung fremder Lebenswelten verkommt zum Klischee. „An die Stelle des Mitgefühls tritt ein Surrogat aus Fakten, Propaganda und Gefühlsansprache.“ Daraus resultiert zum einen, dass die eigentlichen Ursachen der Lebensverhältnisse – die wir vielleicht ändern können – verschleiert werden. Diese Darstellung zementiert das stereotype Bild einer zweigeteilten Welt: Da ist auf der einen Seite der Westen – wohlhabend, aktiv, zupackend – und da ist der bemittleidenswerte Rest der Welt – passiv und arm.

Doch diese Sicht ist nicht nur grundlegend falsch – zahlreiche Grassroots Initiativen weltweit bezeugen, wie viele Menschen in ihren eigenen Gesellschaften versuchen Armut und soziale Missstände zu bekämpfen und dabei oft wesentlich effektiver sind als die fremden Helfer von außen. Sie führt auch oft dazu, dass weiße Helfer in Ländern des Südens als unerträgliche Bevormunder auftreten, die meinen, afrikanische Partnerorganisationen mit ihren eigenen Kommunikations- und Arbeitsmaßstäben belehren und disziplinieren zu müssen. 

Wir im Westen nehmen uns das Recht heraus die Schicksalsgeschichten anderer Menschen, die nicht die gleiche Möglichkeit haben, sich darzustellen, weltweit zu präsentieren. Rumänische Heimkinder, in deren Namen Gelder gesammelt werden, haben keine Stimme. „Die Initiativen besitzen die von ihnen versorgten Schicksale und vermieten die an Paten,“ so die pointierte Aussage des Autors.

Das Engagement vieler kleiner Vereine betrachtet Glück differenziert. Einige von ihnen engagieren sich auf bewundernswert patente und transparente Weise. Ein Positivbeipiel, welches der Autor anführt, ist das auch auf betterplace erfolgreich Spenden einsammelnde Emukhunzulu Education Centre, das konkrete Antworten darauf liefert, was passiert, wenn die Spende das Portemonnaie verlassen hat.

Bei vielen anderen jedoch meint Glück eine stattliche Anzahl psychisch schwerkranker, vereinsamter Menschen entdeckt zu haben, die durch ihre aufopfernde Hilfe für andere versuchen ihr eigenes Leben aufzuwerten und deren Arbeit in den seltensten Fällen effektiv ist. Mit dieser speziellen, im not for profit Sektor durchaus verbreiteten Persönlichkeitsstruktur hängt es wohl auch zusammen, dass wenige Branchen so untereinander verstritten sind wie die der vermeintlichen Gutmenschen.

Teil 2 folgt.



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